Neulich wurde ich an ein Kindheitsgefühl erinnert: die wundervolle Erwartung, gleich Abenteuer in einer fremden Welt zu erleben. Mitten auf der Tierparkbrücke umfing sie mich in dem Moment, da ich diesen typischen Schrei hörte. Das Kreischen des Papageis entführte mich bereits ein gutes Stück vor dem Eingang ins Reich von Tieren, die ich nur aus dem Bilderbuch kannte. Jetzt habe ich in der Ausstellung „Die Moderne im Zoo“ (Marc Museum, Kochel, bis 9. November) erfahren, dass jene „Werbung“ bewusst als akustischer „Lockstoff“ eingesetzt wurde. Der Wärter, der sich um die Aras kümmerte, postierte sich direkt am Weg kurz hinterm Kassenhäusl und begrüßte mit seinen weithin hallenden Schützlingen die Besucher. Dann erst konnte man die frappierende Farbenpracht des Gefieders bewundern und war doppelt fasziniert.
Den Malern vor über 100 Jahren ging’s genauso. Wer von der Farbe beruflich abhängig ist, musste von so einer Ausdrucksstärke träumen. Da war es doch sehr praktisch, dass die Produktion von Pigmenten enorme Fortschritte gemacht hatte und jeder und jede sich ihren Explosionen hingeben konnte: aus der Tube, ohne die Pülverchen wie früher endlos anreiben zu müssen. Kein Wunder also, dass sich etwa ein Max Liebermann oder Paul Klimsch die Papageienmänner nicht entgehen ließen. August Macke ist da ein bissl schlitzohriger. Sein „Kleiner zoologischer Garten“ besteht nur aus Damen, Herren und einem Papagei, wenn man mal von dem Reiher (oder Pelikan?) im Hintergrund absieht.
Deswegen hängen in Kochel die Gemälde der „Empfangskomitees“ als Auftakt am Beginn der Schau – zusammen mit den so berühmten wie unvergesslichen Plakaten von Ludwig Hohlwein, die à la Jugendstil für den Münchner Tierpark warben. Sie inszenieren das Tier als unantastbare Schönheit, als kostbares Individuum. Dass viele Künstler hinter die verlockende Fassade der Exotik gerade im Zoo – noch schlimmer in den Jahrmarkts-Menagerien – blickten, wird in der Ausstellung schnell deutlich. Eigentlich ist der Mensch die gefährlichste Bestie.
Unweigerlich erinnerte ich mich beim Anschauen der kritischen Werke, was ich als Kind nur ahnte: an die seelisch zerstörten Elefanten, die endlos ihren Kopf hin und her schaukelten; an den unendlich traurigen Blick eines alten Gorillas in meine Kinderaugen, der mich bis heute nicht loslässt; und an die Streichel-Ziegen, die sich irgendwann genervt gegen täppische Liebesbezeugungen wehrten. Der Blick zurück lässt mich hoffen, dass wir alle und die Zoos dazugelernt haben. Gerade die Konzepte für mehr lebensnatürlichen Platz, Training der Viecher gegen die Langeweile und für Arterhaltung vom Aussterben bedrohter Gruppen hätten den Künstlerinnen von einst gefallen – unser genereller Raubbau an der Natur hingegen nicht.