Lieber Ärztin als Filmstar

von Redaktion

Marianne Koch stand mit den ganz Großen vor der Kamera, doch sie orientierte sich neu

Dr. Marianne Koch lebt immer noch in ihrem Zuhause bei München, heute feiert die frühere Filmschauspielerin ihren 94. Geburtstag. © Isolde Ohlbaum (3)

Sie war eines der bekanntesten Fernsehgesichter zur Zeit des Wirtschaftswunders. Dabei hatte Marianne Koch, die heute, am 19. August, ihren 94. Geburtstag feiert, als Kind nie von einer Leinwandkarriere geträumt. Im Gegenteil: Das aufgeweckte Mädchen liebte Physik und Chemie, technische Fächer und Biologie. „Ich wollte schon als kleines Kind Ärztin werden und alles über den Körper wissen“, erzählt sie. Die künstlerische Ader ihrer Mutter, der Pianistin Hilde Aumüller, schien sie nicht geerbt zu haben. „Ich hatte zwar Klavierunterricht, aber meine Rolle bei den Hauskonzerten meiner Mutter reduzierte sich darauf, dass ich die Noten umblättern durfte.“ Klar, sie liebte die Musik, „aber vor allem liebte ich es, zuzuhören“.

Per Zufall stellte sich irgendwann heraus, dass Marianne Koch sehr wohl auch selbst spielen kann, sehr gut sogar, und dass sie perfekt vor die Kamera passte. Der Start ihrer großen Filmkarriere war aber unspektakulär.

Nachdem sie in der Schule zwei Klassen übersprungen hatte, machte Marianne Koch mit 17 Abitur und steckte mit 19 schon mitten im Medizinstudium. 1950 jobbte sie in den Semesterferien im Bildarchiv der Bavaria Filmstudios. „Ich registrierte Filme und entstaubte die Filmrollen“, sagt Koch. Eines Tages kam ein Fotograf herein, studierte aufmerksam ihr Gesicht und riet der Studentin, sich in Studio 2 vorzustellen. „Er sagte, man suche dort eine junge Frau für eine Rolle, ein unbekanntes Gesicht“, erzählt Koch. Sie ging also rüber, stellte sich vor – und glaubte nicht, dass man sie auswählen würde. „Man sagte, nun gut, wenn wir Sie hier als Bewerberin aufnehmen sollen, dann brauchen wir ein Foto von Ihnen. Ich hatte nur das winzige Bild in meinem Studentenausweis.“ Als sich die Filmleute mit den Worten verabschiedeten, man werde sich bei ihr melden, schien ihr das wie eine freundliche Absage. „Ich hätte nie gedacht, dass sie wirklich anrufen“, so die Medizinerin.

Beim Casting – damals nannte man das noch Probeaufnahmen – „fand ich mich wieder in einem Raum mit gut aussehenden und ehrgeizigen Jungschauspielerinnen, die meisten von der Schauspielschule“, erinnert sich Marianne Koch. Sie bekam einen Telefonhörer in die Hand gedrückt und musste so tun, als hätte der Anrufer ihr gerade erzählt, ihr Vater sei schwer verletzt worden. Das machte sie wohl gut, denn sie bekam die Rolle für den Film „Der Mann, der zweimal leben wollte“ von Regisseur Viktor Tourjansky. „Vielleicht, weil ich als einzige Bewerberin nicht aufgeregt war.“

Als der Film in die Kinos kam, saß sie längst wieder im Hörsaal. Ab da sprudelten die Angebote herein und Marianne Koch beantragte Urlaubssemester – erst eines, dann noch eines, schließlich unterbrach sie ihr Studium. Sie war in rund 70 Filmen zu sehen, darunter Heimat- und Kriegsfilme und auch Italowestern. Zu ihren bekanntesten Leinwandstreifen gehören „Des Teufels General“, „Ludwig II.“, „Der Stern von Afrika“ und „Für eine Handvoll Dollar“. Die ehemals fleißige Medizinstudentin stand mit den ganz Großen vor der Kamera: Mit Clint Eastwood und Curd Jürgens, Hardy Krüger und Joachim Fuchsberger, Paul Hörbiger und Paul Klinger, Maria Schell, Heinz Rühmann und Victor de Kowa. Sie arbeitete mit Regiegrößen wie Kurt Meisel und Helmut Käutner. Ganz ohne entsprechende Ausbildung gelang ihr eine Traumkarriere. Diese war für sie aber nur ein Gastspiel, das Jahr für Jahr in die Verlängerung ging.

Bis der Tag kam, an dem sie Schluss machte. Es war 1970, kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Gerade hatte sie „Die Journalistin“ in der gleichnamigen Serie gespielt. „Ich ging zum Dekan der Ludwig-Maximilians-Universität und fragte, ob ich weiterstudieren kann.“ Sie konnte, „weil ich Gott sei Dank vor meinem Ausflug in die Filmindustrie das Physikum abgelegt hatte“. Im Hörsaal wurde sie zunächst skeptisch beäugt. „Die Studenten dachten sich, was macht die denn hier, ich war ja 20 Jahre älter als die anderen.“ Doch mindestens ebenso wissbegierig. „Das Misstrauen verflog schnell, als meine Kommilitonen feststellten, dass ich ebenso wie sie schon morgens um acht Uhr im Hörsaal saß und bis spät in die Nacht hinein lernte.“ Ob es ihr leidgetan habe um ihre Schauspielkarriere? „Nein, ich war immer überzeugt davon, dass ich Ärztin werde.“

Mit 43 Jahren legte sie 1974 das Staatsexamen ab. 1978 wurde sie mit Bestnote promoviert. Von 1985 bis 1997 arbeitete sie als Internistin in ihrer eigenen Praxis in München. „Das war äußerst befriedigend, als Hausärztin für die Patienten da zu sein.“ Danach schrieb sie Kolumnen und Ratgeber. „Die sprechende Medizin ist mein Lebensinhalt“, sagt Marianne Koch. Bis heute moderiert sie einmal im Monat auf Radio BR2 das Gesundheitsgespräch. Außerdem ist sie seit 2020 Kuratorin in der Stiftung Allgemeinmedizin. Sie hat nie bereut, ihre Träume angepackt zu haben, ganz nach dem Motto eines ihrer Bücher „Alt werde ich später“.SUSANNE SASSE

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