Auch heute ein Knochenjob: Kellner im Hofbräuhaus.
Legendärer Blick vom Platzl auf das wohl berühmteste Wirtshaus der Welt. © Imago
Stolz auf die Oma: Siegfried Dellinger und das Porträt der „Dicken Sophie“. Wer bei ihr nicht spurte, wurde des Lokals verwiesen. Sie konnte zehn Zinnkrüge tragen. © privat/Marcus Schlaf
Stark war sie, resolut war sie und ein echtes Original im Hofbräuhaus: Sophie Bleicher (1882–1924), Bedienung und noch heute bekannt als die „Dicke Sophie“. Ihr Enkel Siegfried Dellinger hat jetzt seinen 80. Geburtstag im Andenken an seine außergewöhnliche Großmutter mit der ganzen Familie im Hofbräuhaus gefeiert und festgestellt, dass die Oma ihm doch einiges hinterlassen hat.
Wann genau Sophie Bleicher vom Chiemgau nach München kam, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall hatte sie schon ein uneheliches Kind im Gepäck. Mit ihrem Mann Quirin Bleicher, einem Nachtwächter, lebte sie zunächst in einer kleinen Bedienstetenstube im Hofbräuhaus.
Ihre Bekanntheit hat sie zum einen ihrer stattlichen Erscheinung zu verdanken. „Meine Oma war 1,80 Meter groß und wog zweieinhalb Zentner“, erzählt ihr Enkel. Und zum anderem ihrem ruhigen Gemüt, mit dem sie so manchen Gast in die Schranken wies. Wer bei der „Dicken Sophie“ nicht spurte, wurde von ihr aus der Schwemme hinausbegleitet.
Sophie beeindruckte viele Gäste. Zehn Steinkrüge mit Zinndeckeln, jeder 2,47 Kilo schwer, schleppte sie ohne Probleme. Und das von in der Früh um 7 Uhr bis nachts um 1 Uhr. Das Bier kostete damals 24 Pfennig, Sophie Bleicher verdient 50 Pfenning am ganzen Tag.
Berühmtheit erlangte sie durch Karl Valentin, der sie 1921 für seine Sammlung „Münchner Originale“ fotografieren ließ. Heute werden die Gäste des historischen Festsaals von der legendären Bedienung begrüßt. Siegfried Dellinger posierte an seinem 80. Geburtstag dort mit der Oma. „Die Kraft, die Bestimmtheit und die Ruhe könnte ich von ihr haben“, sagt der Jubilar. Seine Mutter, ebenfalls eine Sophie, war die zweite Tochter der Bedienung, wuchs aber bei Verwandten in Sendling auf.
Für Kindererziehung hatte Sophie damals keine Zeit. Ihr Leben war die Arbeit im Hofbräuhaus. Und das hinterließ Spuren. Bei einer Untersuchung im Krankenhaus Schwabing-West stellte der Arzt damals Wassersucht fest. Ausgeschlossen für Sophie Bleicher: „I hob mein Lebtag gar nie net kein Wasser gsoffa!“, soll sie dem Mediziner geantwortet haben. 1924 starb Sophie Bleicher im Alter von 42 Jahren an einem Ödem. Ihre Kinder und Enkel hüten ihre wenigen Hinterlassenschaften.
Ein paar Fotos gibt es, die im Besitz der sieben Dellinger-Geschwister sind. Gepflegt wird das Andenken an die Oma mit regelmäßigen Besuchen an ihrer Wirkungsstätte. Eigentlich zu selten, findet der ehemalige Maschinenbauingenieur Siegfried Dellinger. Er lebt in Mühldorf am Inn, doch seinen runden Geburtstag wollte er unbedingt im Hofbräuhaus feiern. Mit der ganzen Familie. Und der Oma in Originalgröße.DORIT CASPARY