Es gibt ja verschiedene Stufen des Glücks beim Zeitunglesen. Das Basis-Glück ist der Frühstückstisch, umso mehr, wenn Wochenende ist, umso mehr in der Sonne. Ganz oben aber steht: Zeitunglesen im Urlaub: Endlich hat man Zeit für die Wochenendausgaben der letzten Monate und zwischendrin liest man, hach wie modern, auf der Sonnenliege das e-Paper. Herrlich vor allem, wenn daheim das Wetter schlecht ist. Ich sehe Sie da förmlich sitzen mit den Füßen im Sand: „Ah da schau her, Wintereinbruch in Bayern“ oder „S-Bahn-Chaos zwischen Peters- und Wolfratshausen“. Nichts könnte Ihnen im Urlaub egaler sein, ich weiß.
Aber nur, dass Sie Bescheid wissen: Wir vermissen Sie auch nicht, bleiben‘s gern noch länger: Wir in der Heimat, wir gehen gerade auf der Leopoldstraße spazieren, weil so wenig los ist, und wir haben das Schwimmbad für uns allein. Und wenn wir in die Stadt fahren, dann suchen wir keinen Parkplatz, sondern finden einen. Am allerbesten haben es die, die aktuell das leere München genießen und dann noch in Urlaub fahren. So wie unsere Freunde F. und B.: Die arbeiten die Sommerferien durch, also „arbeiten“, denn sie sagen selbst, dass wenig los ist – und sie gehen eben dann, wenn alle wiederkommen. Und natürlich sind sie perfekt organisiert – mit Packlisten, auf die Noah für seine Arche neidisch gewesen wäre. Klar, jeder hat seine Gewohnheiten, aber F. und B. spielen schon in einer eigenen Liga. Ich zum Beispiel nehme traditionell viel zu viele Bücher mit und lese dann eins, was der Vormieter in der Ferienwohnung unterm Bett vergessen hat. Oder meine Frau: Die packt eine Notapotheke, über die ein Kreiskrankenhaus glücklich wäre, vergisst dann aber traditionell einfache Pflaster. Und mein Sohn besteht darauf, selbst im Hochsommer für jeden Tag ein frisches Unterhemd und ein frisches Paar Socken dabei zu haben, weil das die Oma so will. „Du wirst aber eh nur in Badehose rumlaufen!“, sage ich dann, aber die Oma ist halt die Oma und ich bin halt ich.
Aber zurück zu F. und B.: Die haben nicht nur immer die perfekten Urlaubszeiten, sondern lernen von Urlaub zu Urlaub dazu. Wenn unsereiner denkt: „Nächstes Mal nehmen wir einen Föhn mit“ (um ihn dann wieder zu vergessen), pflegen F. und B. perfekte Listen für jede Art des Urlaubs – eine Liste heißt „Packliste Meer“, eine „Packliste Berge“ und eine „alle Urlaube“. Bei „Meer“ stehen da zum Beispiel spezielle Dinge wie „Wasser-Ohrstöpsel“ oder bei „Berge“ „Stirnlampe“. Und bei „alle Urlaube“? Da steht etwas, das ich in Zukunft auch brauche: „Eigenes Kissen“. Ja, es ist schrecklich spießig und nicht gerade ein Zeichen ewiger Jugend, aber mit Blick auf die letzten zwei Wochen: Ich glaub, ich bin soweit.
Doch F. und B. sind noch einen Schritt weiter: Dieses Jahr wollen sie auch eine Matratzenauflage mitnehmen, einen sogenannten „Topper“. Man wisse ja nicht, wie die Matratzen sind. Wenn man sich diese Frage stellt, weiß man, man ist alt. Das ist dann wirklich die Krönung des Zeitunglesens: auf der Matratzenauflage auf der Sonnenliege auf dem Strand, Arm in Arm mit dem Stapel Wochenendausgaben der letzten Zeit und dem e-Paper in der Hand. So schön, dass man eigentlich gleich daheim bleiben kann.