MÜNCHNER FREIHEIT

Wandlung im Schanktresor

von Redaktion

Geht Ihnen das auch so? Wenn ich Zeitung lese, sind es oft die kleinen, unscheinbaren Meldungen, die meine Fantasie beflügeln. Das mag daran liegen, dass ich über die Nachrichten aus der Weltpolitik momentan gar nicht intensiver nachdenken mag. Bestimmt aber auch daran, dass Geheimnisse vor der Haustür viel geheimnisvoller sind als jene, die sich irgendwo weit weg abspielen.

Zum Beispiel die Meldung, die dieser Tage in der Randspalte ganz unten stand: Einbrecher haben in einer Kneipe einen Tresor mitgehen lassen – mit Bargeld und fünf Flaschen Schnaps! Nun rätsle ich: Welch ein Schnaps mag so wertvoll sein, dass der Wirt ihn im Tresor verwahrt? Der Rest jenes Kirschgeists, mit dem der Brandner Kaspar einst den Boandlkramer unter den Tisch getrunken hat? Ein Fläschchen von dem Cognac, mit dem Max IV. Joseph und Napoleon anno 1801 den bayerisch-französischen Freundschaftsvertrag besiegelt haben – womöglich mit einem handschriftlichen Vermerk von Minister Montgelas auf dem vergilbten Etikett? Der Selbstgebrannte, mit dem der neidige Paintnerbauer anno 1896 einen Lokführer der neuen Isartalbahn dafür belohnte, dass er die schönste Kuh seines Nachbarn überfahren hatte? Eine Geschichte nach der anderen kommt mir in den Sinn, und die schönsten sind die, die nicht ganz wahr sind.

Andererseits: Ein Tresor, den Diebe einfach so davontragen, kann der größte nicht sein. Wenn dann noch fünf Flaschen Schnaps drinstehen, ist für Bargeld nicht mehr viel Platz. Womöglich braucht der Wirt zum Trost einen Schluck des Hochprozentigen, wann immer er den Safe öffnet und auf die kümmerliche Barschaft schaut. Das gäbe dem Begriff „Liquidität“ eine ganz neue Bedeutung. Oder aber es gab in dieser Wirtschaft ein Schwund-Problem. Vielleicht hat der Wirt ja gemerkt, dass die Flaschen mit dem Hausbrand sich schneller leeren, als der registrierte Ausschank es hergibt. Nur: Wer bedient sich da? Der Aushilfskellner, dem er es nicht auf einen bloßen Verdacht hin auf die rote Nase zusagen will? Die Stammkellnerin, die zwar tüchtig ist, aber so gschnappig, dass er einer Diskussion mit ihr lieber aus dem Weg geht? Oder einer jener Stammgäste, die sich die siebte Halbe schon einmal selber zapfen, wenn der Wirt gerade keine Zeit hat? Mit der genialen Idee, den Schnaps wegzusperren, wurde der Schwund beendet, ohne böses Blut zu schaffen.

Gut möglich ist freilich auch, dass eine Marketing-Idee die Spirituose hinter Schloss und Riegel brachte. Der Umzug vom Schankregal in den Safe macht jeden Rachenputzer zu einem geheimnisvollen, im Sinn des Wortes verschlossenen Geist. Eine Wandlung, die ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Im katholischen Bayern kennt man sich damit aus.

Wie auch immer: Ich warte auf die Folgemeldung aus dem Polizeibericht: Eine Streife der städtischen Grünanlagenaufsicht hat unter einer Isarbrücke zwei Männer entdeckt, die sturzbetrunken neben einem aufgebrochenen Tresor lagen. Zwischen ihnen fünf leere Flaschen. Im Safe, noch unangetastet, ein kleinerer Bargeldbetrag. redaktion@ovb.net

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