MÜNCHNER FREIHEIT

Politik fürs Facebook-Foto

von Redaktion

Welch ein Glück, dass die Verkehrsampel schon vor 100 Jahren erfunden worden ist. Man stelle sich vor, die Politik müsste heute entscheiden, wie solch ein Gerät auszusehen habe. Jede Partei würde das Symbol für freie Fahrt für sich reklamieren und das Lamperl für Stillstand dem politischen Gegner ans Knie nageln. Eine bundeseinheitliche Lösung wäre undenkbar. Besucher aus dem Norden würden in Bayern wüste Hupkonzerte auslösen, weil sie das ganz oben installierte Schwarzlicht nicht erkennen und die komplette Ampelphase verdödeln. Bayerische Autofahrer würden in SPD-regierten Ländern Massenkarambolagen auslösen, weil sie bei Rot, das dort den Weg freigibt, reflexartig aufs Bremspedal steigen. Blau, für Polizei und Rettungsdienste reserviert, stünde nicht zur Verfügung, Braun wäre mangels Leuchtkraft schwer zu sehen, mithin zum Vorwärtskommen ungeeignet. Am Ende würde eine Ampelgestaltungskommission mindestens drei Regierungen verschleißen.

Die Väter und Mütter der Ampel dachten pragmatisch. Rot, eine in der Natur etablierte Warnfarbe, als Stoppsignal. Grün, damals noch nicht politisch besetzt, für freie Fahrt. Dass man bei der Suche nach irgendwas zwischendrin auf Gelb kam, darf nicht politisch missdeutet werden. Die FDP wurde erst Jahrzehnte später gegründet.

Es verwundert nicht, dass in einer Zeit, in der noch niemand am generischen Maskulinum der deutschen Sprache rüttelte, auch das Ampeldesign dieser Philosophie folgte: Ampeln gelten grundsätzlich für Autos, es sei denn, sie tragen ein besonderes Symbol wie Ampelmännchen oder Radl.

Inzwischen hat das Ampelmännchen Gesellschaft bekommen. Zuerst tauchte der knuffige Kollege aus dem Osten auf, unschwer am Hut zu erkennen. Dann gab es Ampelweiblein und gleichgeschlechtliche Pärchen. Jetzt gibt es in der Münchner Politik die Idee, auch Rollstuhlfahrer zum Leuchten zu bringen. Und das ist erst der Anfang: Wir warten auf Menschen mit Krücke, Gehstock und Rollator, auf alleinerziehende Väter und schwangere Mütter, auf Gassigeher und Kaminkehrer (zu erkennen am Kleeblatt und der über der Schulter getragenen Leiter). Auf Ampelpiktogrammdesigner kommen goldene Zeiten zu. Denn wenn man es ernst nimmt mit der Idee, alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen auf der Fußgängerampel abzubilden, dürfen Kopftuch und Kippa, Undercut und Rasta-Mähne nicht fehlen.

Mein Freund Manni sitzt im Rollstuhl. Er würde liebend gern weiterhin an einer Ampel mit traditionellem Ampelmännchen warten, wenn er dafür bei Grün nicht mehr über kaum abgesenkte Bordsteinkanten und Kopfsteinpflaster holpern müsste. Eine Testfahrt in Mannis Rollstuhl würde schnell zeigen, wo und wie man weit wirksamer helfen kann als mit reiner Symbol-Politik. Aber vor einer Ampel mit neuem Symbol kann man sich eben viel besser fürs Facebook-Profilbild ablichten lassen als neben einem Bordstein, den man nicht mehr sieht.