Mit diesem Auto bietet Mercedes bei der IAA Testfahrten im hochautomatisierten Modus an.
Ohne Hand am Steuer über die Autobahn: Reporter Julian Limmer macht den Test. © Jens Hartmann
„Darf ich wirklich?“, frage ich ungläubig. Mein Beifahrer nickt. Ich nehme meine Hände vom Steuer, meinen Fuß vom Gaspedal, während es mit knapp 95 Sachen über die Autobahn geht. Mein Blick wandert auf den riesigen „Hyperscreen“ neben dem Fahrersitz. Es laufen Szenen eines Hollywoodstreifens. Mein Sitz verpasst mir nebenbei eine Wellenmassage. Dann drehe ich meinen Kopf, schaue nach hinten – rund 30 Sekunden lang. Das Auto fährt ganz von selbst. Kann das gutgehen?
Bei Mercedes-Benz ist man davon überzeugt. Die Stuttgarter haben bereits ein System im Sortiment, das das Fahren teilweise komplett übernimmt. Unter bestimmten Voraussetzungen allerdings. Bei der IAA in München können Besucher das nun selbst ausprobieren (siehe Kasten). Unser Reporter Julian Limmer macht den Selbstversuch. Mit dem Elektromodell EQS 580 4MATIC.
Ein Auto, das mit über 35 Sensoren wie Kameras oder Laser-Radarsystemen ausgestattet ist. Sie erkennen die Fahrumgebung, nehmen wahr, was um das Auto herum passiert. So kann es in bestimmten Situation selbstständig fahren. Erstmal geht’s durch den zähen Stadtverkehr. Das Auto unterstützt mich zwar beim Bremsen, beim Lenken – fahren muss ich aber noch selbst. Für den Stadtverkehr sind solche Systeme noch nicht zugelassen.
Doch daran arbeiten Autohersteller derzeit – Mercedes präsentiert Besuchern auf der IAA beispielsweise das Fahren mit einem sogenannten „Level 2++“-System. Heißt: „Es kann bremsen, lenken, wenden oder Fußgängern ausweichen. Alles, was ein Mensch kann, kann das System grundsätzlich auch“, sagt Mercedes-Sprecher Tim in der Smitten. Nur: Der Fahrer muss trotzdem mindestens drei Finger am Lenkrad halten, um notfalls einzugreifen.
In einer separaten Testfahrt durch die Innenstadt mit zertifiziertem Fahrer zeigt Mercedes, was diese Technik kann. Dabei zeigen sich noch Macken. Das Auto lenkt auf eine rote Ampel zu, scheint nicht zu bremsen, der Fahrer muss eingreifen. „Solche Probleme müssen wir uns anschauen, um sie zu beseitigen“, sagt Mercedes-Ingenieur Jann Seelos. Ansonsten lenkt das Fahrzeug relativ problemlos durch die Stadt. Zugelassen ist die Technik in Europa noch nicht.
Anders sieht es auf der Autobahn aus, hier ist hochautomatisiertes Fahren (Level 3) zulässig. Ich lenke meinen EQS auf die A9. Erstmal muss ich weiter selbst steuern. Erst als ich auf die rechte Fahrspur wechsle und vor mir ein Fahrzeug auftaucht – neben Trockenheit Voraussetzungen für das System – leuchtet ein Knopf am Lenkrad türkis auf. Ich drücke drauf, schon übernimmt das Auto für mich. Ich muss nichts mehr machen, kann einen Film gucken oder E-Mails schreiben. Mit maximal 95 Kilometer pro Stunde geht’s hinter dem anderen Auto her. Passiert jetzt ein Unfall, haftet der Hersteller – so überzeugt ist Mercedes von der Sicherheit. Möglich ist das jedoch nur so lange, keine Ausfahrt kommt und wenn ein anderes Fahrzeug vor mir fährt. Muss der Fahrer wieder übernehmen, gibt das Auto ein Signal ab.
Auch andere Marken arbeiten an der Technik – BMW hat ebenfalls Fahrzeuge mit Level 3, jedoch bislang nur mit maximal 60 km/h. Bei Mercedes ist das System derzeit nur für die Premiumreihen S-Klasse und EQS erhältlich: Aufpreis ab rund 6000 Euro. J. LIMMER