MÜNCHNER FREIHEIT

Elegant gequält

von Redaktion

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich zum ersten Mal das Wort „Sadist“ hörte. Google hieß damals noch „Mutter“ und klärte mich auf: Ein Sadist ist ein Mensch, der Spaß daran hat, andere Menschen zu quälen. Vor meinem inneren Auge erschienen Folterknechte, die in finsteren Verliesen ihre Opfer mit glühenden Zangen traktierten. Später keimte der Verdacht auf, mein Mathe- und Lateinlehrer sei dieser Spezies zuzurechnen. Schon wegen des maliziösen Lächelns, mit dem er zielsicher jene Schüler, die garantiert nichts gelernt hatten, nach vorn zur Tafel rief. Ich gebe zu: Auch mich traf mehr als einmal seine Einladung, mein Unwissen zur Schau zu stellen – vor der ganzen Klasse, und vor allem vor Sabine. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute weiß ich: meine Mutter, auch darin dem späteren Ratgeber Google nicht unähnlich, hatte mir nicht die ganze Wahrheit erzählt. Sadisten schlurfen heutzutage nicht mehr in blutverschmierten Kutten durch Kellergewölbe. Sie sitzen am Schreibtisch, tragen Polohemd und Jackett und nennen sich Produktdesigner. Sie geben sich harmlos, bescheren uns Produkte von unbestreitbarer Eleganz. Aber sie bauen mit teuflischer Freude Fallen ein.

Wie sonst sollte jemand auf die Idee kommen, eine Duscharmatur mit runden Griffen zu konstruieren? Griffen, die so glatt verchromt sind, dass jede Fliege davon abrutschen würde. Zigtausendfach sind solche Armaturen in Hotelbadezimmern verbaut. Nackt und hilflos stehen die Opfer davor, den Kopf voller Shampoo, das in die Augen zu laufen beginnt. Und nun versuchen sie, mit eingeseiften Händen das Wasser aufzudrehen – hoffnungslos! Hier offenbart sich der Unterschied zwischen dem Folterknecht des Mittelalters und dem Sadisten des 21. Jahrhunderts: Letzterer muss seine Opfer nicht sehen. Er weiß, dass es sie gibt. Das genügt.

Beschwingt macht er sich ans nächste Werk. Meine neue PC-Tastatur muss so entstanden sein. Unschuldig kommt sie daher, durchaus ergonomisch – bis auf die Taste mit dem Halbmond-Symbol für den Standby-Modus. Für diese Taste gibt es keinen genormten Platz. In meinem Fall hat der Designer sie links oben neben die Escape-Taste gesetzt – jene Taste, auf die ich reflexartig drücke, wenn ich wieder einmal das verkehrte Menü geöffnet habe. Was heißt: neben! Die beiden schmiegen sich geradezu aneinander, und ich schwöre: Immer, wenn ich es besonders eilig habe, verschmelzen sie. Die Folge: Statt ein Menü zu schließen, schickte ich den Rechner in den Tiefschlaf. Das lässt sich nicht abbrechen. Bis er wieder wach ist, vergehen Minuten, in denen ich – Zange war gestern – auf glühenden Nadeln sitze.

Ich habe mir in solchen Momenten schon die grausamsten Strafen ausgedacht – und wieder verworfen. Wäre ich Richter, würde ich all jene, die uns so elegant zu quälen verstehen, dazu verurteilen, mit ihren eigenen Produkten zu leben. Sagen wir: für ein Jahr. Mehr wäre zu grausam.