Münchens schlimmste Straße

von Redaktion

Drogen-Sumpf Schillerstraße – Der Hilfeschrei der Anrainer

Problemzone am Hauptbahnhof. Oben rechts eine Polizei-Razzia, unten rechts eine Schlägerei am helllichten Tag.

Üble Gegend: Die Schillerstraße im südlichen Bahnhofsviertel. © Fotos: Bodmer, privat

Es ist der 4. März in der Schillerstraße: Ein junger Mann schlägt und tritt seinen Gegner vor einer Haustür nieder. 7. Juli: Zwei Frauen koksen auf dem Gehsteig. 25. Juli: Ein Mann drischt mit einem Schraubenschlüssel in der Hand auf einen anderen ein.

Brutale Szenen – doch für Händler und Anwohner in der Schillerstraße Alltag. Seit Monaten dokumentieren sie mit Fotos und Videos den Wahnsinn vor ihrer Haus- und Ladentür. Sie zeigen Schlägereien, offenen Drogenhandel und -konsum. Mitten in München, eigentlich Deutschlands sicherste Stadt. Ein Ladeninhaber zu unserer Zeitung. „Allein im Februar und März habe ich 66 Aufnahmen gemacht und der Polizei übergeben.“

Die Betroffenen wollen anonym bleiben – zu groß ist die Angst vor den Verbrechern in ihrem Viertel. Doch sie wehren sich nach Kräften, haben mehrere Briefe an Polizeipräsident Thomas Hampel, Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und das Kreisverwaltungsreferat geschickt. Rund 30 Geschäftsleute und Anwohner haben unterschrieben. „Zwischen Bayerstraße und Schillerstraße, bis hin zur Schwanthalerstraße, ist ein massives Problem mit öffentlichem Drogenhandel durch kriminelle Banden entstanden“, steht in einem Brief vom März. Folge: „Der Drogenhandel wird zunehmend gewalttätig, Kinder werden missbraucht, um das Geschäft zu betreiben. Es kommt nahezu täglich zu Krawallen, brutalen Schlägereien und antisozialem Verhalten“. Man sei „verzweifelt“: „Die Schillerstraße ist bereits heute ein weitgehend rechtsfreier Raum.“

Schuld seien Drogen-Banden aus Afghanistan und Afrika, sagen die Betroffenen. „Sie dealen ganz offen, auch tagsüber“, sagt ein Gewerbetreibender. „Einmal habe ich gesehen, wie sie zehn Meter neben einem Streifenwagen dealten.“ Die Polizei konnte auf Anfrage dazu nichts sagen. Viele Drogengeschäfte laufen laut Beobachtern in einer Türnische vorm Haus mit der Nummer 18 ab. „Die Drogen verstecken sie hinter der Türklinke. Oder in einem Beutel, der in einem Briefkasten steckt. Da wird alles gedealt: Heroin, Kokain, Ketamin, Ecstasy.“ Die Hinterleute – unbekannt. „Manchmal kommt einer in einem BMW X1 mit Traunsteiner Kennzeichen und sammelt Geld ein.“

Im Umfeld der Bande seien viele junge Frauen, „einige sehen aus wie 13 oder 14“, sagt ein Bewohner. „Die prostituieren sich. Mich hat eine mal gefragt: ,Willst du kurz ums Eck gehen? Soll ich dir einen bl…?‘“ Er vermutet: Auch das ein Geschäftszweig der Verbrecher. Die Polizei bestätigt das auf Anfrage nicht.

Wer sich offen wehrt, bekommt gravierende Probleme, sagt ein Geschäftsmann: „Ein Wettbüro-Besitzer wurde am 14. Juli zusammengeschlagen, mit einem Stock oder so. Er hat fast sein Auge verloren.“ Ein Anderer filmte mal einen Dealer mit seinem Handy. „Der hat gedroht, mich umzubringen.“

Die Polizei hat die Gegend im Blick. Ein Sprecher: „Die Anzeigenschwerpunkte liegen derzeit bei Körperverletzungs- und Betäubungsmitteldelikten.“ Es sei „kein klarer Trend“ zu erkennen, man nehme die Sorgen aber „sehr ernst“. Neben regelmäßigen Streifen gebe es „Schwerpunktaktionen mit verstärktem Personaleinsatz“, so der Sprecher. „Somit zählt das südliche Bahnhofsviertel zu den am intensivsten bestreiften Bereichen im Zuständigkeitsbereich des PP München.“

Laut Kreisverwaltungsreferat entwickelt eine Taskforce „in den nächsten Monaten verschiedene Maßnahmen für das südliche Bahnhofsviertel .“ Der Kommunale Außendienst habe seinen Schwerpunkt bereits vom Alten Botanischen Garten ins südliche Bahnhofsviertel verlegt. Die Polizei prüfe auch eine Videoüberwachung. Dem Vernehmen nach komme die in Kürze.

Die Menschen in der Schillerstraße hoffen auf schnelle Hilfe. Auch die CSU fordert mehr Härte: OB-Kandidat Clemens Baumgärtner: „Diesen Zustand kann man nicht dulden, und wir dürfen hier nicht weiter zusehen. Es braucht in der Schillerstraße eine Videoüberwachung, eine Ausweitung des Kommunalen Außendienstes und mehr repressive Maßnahmen.“ Ein Händler verzweifelt: „Muss erst einer von uns abgestochen werden, bis sich was tut?“ THOMAS GAUTIER

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