Jedes Bild ein Treffer

von Redaktion

Museumszelt: Ausstellung zeigt Fotografie-Geschichte auf der Wiesn

Mascha Erbelding (l.) und Yvonne Heckl beim Aufbau der Ausstellung im Museumszelt mit Werbeschildern fürs Fotoschießen. Das Foto rechts zeigt ein Scherzfoto aus dem Jahr 1964. © Achim Schmidt

Ein Souvenir aus der Schießbude von der Wiesn 1963 (Foto li.). Wer der Schütze auf dem Bild ist, ist unbekannt. Das Foto rechts zeigt die Fotoschießbude der Familie Butz im Jahr 1965. © Stadtmuseum (3)

Ein Schnappschuss im wahrsten Sinne! Der Wiesn-Besucher auf dem Foto von 1963 hat mit dem Gewehr mitten ins Schwarze getroffen und so eine Kamera ausgelöst – samt Blitzlicht. An der Schießbude von Siegfried Butz sind einst hunderte solcher Schnappschüsse entstanden. „Foto-Schießen“ zählte ein Jahrhundert lang zu den beliebtesten Attraktionen auf der Wiesn.

Die bunte Schießbude aus den 60ern kann heuer im Museumszelt auf der Oidn Wiesn bestaunt werden. Ihr heutiger Besitzer Peter Schütz hat sie dem Münchner Stadtmuseum für die Ausstellung „Jedes Bild ein Treffer: Fotografie auf dem Jahrmarkt“ zur Verfügung gestellt. Mascha Erbelding, Leiterin der Sammlung Schaustellerei im Museum, hält eine Reklame hoch. „Selbst geschossenes Foto vom Festplatz“, steht darauf. 30 Kilogramm wiegt die Tafel. Auch Yvonne Heckl, Sprecherin der Wiesn-Schausteller, stemmt eine, die zum „Foto-Schießen auf dem Oktoberfest“ lockt.

Die Wiesn ist nicht nur ein großes Stück Münchner Geschichte. Sie ist Teil der Fotografie-Geschichte. Als der Schütze 1963 bei Butz ins Schwarze trifft, kann er sein Souvenir sofort mitnehmen. Das Foto wird im Labor hinter dem Standl entwickelt. Heute, wo das Selfie vor dem Riesenrad wie das Bier zur Wiesn gehört, vergisst man, welch wahnwitzige Technik-Geschichte dahintersteckt.

„Das erste Foto von der Wiesn entstand 1841, wie wir aus einem Zeitungsartikel wissen“, sagt Erbelding. Die Daguerreotypie wurde damals aber erst auf der darauffolgenden Auer Dult vorgestellt. Eine absolute Sensation war das – zwei Jahre nach Erfindung des Verfahrens durch den Franzosen Louis Daguerre. Wegen der langen Belichtungszeit waren Landschaften bevorzugte Motive. Eine Viertelstunde oder länger dauerte die Aufnahme: „Menschen mussten beim Ablichten mindestens drei ‚Vater unser‘ lang stillhalten“, sagt Erbelding.

Das älteste erhaltene Foto von der Wiesn von 1877 ist im Museumzelt zu sehen. Preiswertere Ferrotypien wie jenes Familienporträt waren handlich und wurden damals dank ihrer relativ kurzen Entwicklungszeit als Attraktion auf Jahrmärkten populär. Wenige Jahre zuvor hatte kaum jemand ein Foto von sich besessen. Oft wurden erst Bilder von Toten in Auftrag gegeben, um zumindest eine Erinnerung an den geliebten Menschen zu haben. „Im Laufe des 19. Jahrhunderts gerieten die Jahrmarktfotografen in Konkurrenz zu festen Fotostudios“, erklärt Erbelding. „Als deren Bilder für die breite Masse erschwinglich wurden, verlor ihr Geschäft seine Attraktivität.“ Nur besondere Angebote, wie Foto-Schießen oder Scherzfotografie, überlebten. Was für eine Gaudi! Da steckt man den Kopf durch ein Loch und posiert plötzlich als Boxkämpfer! CORNELIA SCHRAMM

Zur Ausstellung

lädt das Münchner Stadtmuseums gemeinsam mit der Historischen Gesellschaft Bayerischer Schaustellerei. Das Museumszelt hat täglich von 10 bis 23.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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