Und wo sollen wir wohnen?

von Redaktion

Semester-Start heizt Lage auf Immobilienmarkt weiter an

Tausende Studenten suchen eine Unterkunft. Doch selbst kleine Bleiben sind nahezu unbezahlbar. © Marcus Schlaf

Leonardo González – hier vor der LMU – hat eine WhatsApp-Gruppe gegründet. © Oliver Bodmer

Antonia Grosser sucht seit Monaten verzweifelt nach einer neuen Wohnung. Die 24-jährige Medizin-Studentin musste im Juli ihr Wohnheim verlassen und hat danach für kurze Zeit zur Untermiete gewohnt. Für den Herbst kann sie vor dem hiesigen Wohnungsmarkt fliehen: Sie arbeitet in Zürich im Rahmen ihres Studiums im Krankenhaus. Zeit zum Durchatmen – zumindest bis Januar. Die Not ist nicht nur unter Studenten groß: Leonardo González macht eine Ausbildung zum Kaufmann. Schon in seinem ersten Ausbildungsjahr musste der 24-Jährige viermal umziehen, weil er keine dauerhafte Bleibe gefunden hat. Zwei Beispiele, die symptomatisch sind für die aktuelle Situation in München.

Antonia Grosser hat kaum noch Hoffnung. „Es sind einfach ganz wenige Angebote da. Es ist brutal schwer, etwas Richtiges zu finden“, sagt sie. Neben ihrem Alltag im Krankenhaus verbringt Grosser viel Zeit mit Internet-Recherche: „Ich habe Premium-Accounts bei allen möglichen Portalen, habe dafür einen Haufen Geld ausgegeben und trotzdem kriege ich kaum eine Antwort.“ Ihr Studium allein ist schon viel Arbeit. Dazu kommt jetzt der Stress, im Januar ohne Wohnung dazustehen.

Grosser kennt es, auf einmal keine Wohnung mehr zu haben. Vor ein paar Monaten musste sie plötzlich ihr Wohnheim verlassen, in dem sie 755 Euro für 20 Quadratmeter gezahlt hatte. Noch relativ günstig: Teilweise werden auf dem Markt 1000 Euro für ein Zimmer verlangt. Sie hatte zwei Wochen, um etwas Neues zu finden. „Das Ganze hat mich extrem gestresst. Die Situation hat irgendwann nicht nur mich belastet, sondern auch meine Familie.“

Die Studentin hatte Glück: Sie fand nach mühsamer Suche ein Zimmer in einem Wohnheim zur Untermiete für zwei Monate. Ein Aufenthalt im Hostel oder bei Kommilitonen auf der Luftmatratze blieb ihr zunächst erspart. Ob sie im Januar so viel Glück haben wird? Wenn, dann durch Kontakte oder Zufall, ist Grosser überzeugt: „Man muss einfach jemanden kennen, der gerade auszieht und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“

Die Lage auf dem Markt ist extrem angespannt. Das Studierendenwerk München vermietet rund 8000 Wohnplätze. Die sind alle besetzt. 9060 Studierende warten aktuell auf ein Wohnheimzimmer vom Studierendenwerk. In der Regel dauert es drei bis sechs Semester, bevor man drankommt. Dann ist das Studium für viele fast schon vorbei. „In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl an Studenten, die sich auf ein Zimmer beworben, um 21 000 Personen angestiegen“, sagt Sophie Plessing, Sprecherin des Studierendenwerks.

Als Alternative gibt es kirchliche oder staatlich unabhängige Studentenwohnheime, zum Beispiel das Studentenwohnheim Geschwister Scholl. Jeden Monat bewerben sich ungefähr 70 Studenten auf ein Zimmer, erläutert Heimleiterin Alexandra Filser. Ein WG-Zimmer ist auch nicht leicht zu finden. Im Durchschnitt hat es 2024 in München 790 Euro gekostet. Für die meisten Studenten viel zu teuer. Der Bafög-Höchstsatz liegt aktuell bei 992 Euro.

Auch Leonardo González hat einen langen Weg hinter sich. Nach einem Jahr Suche hat er es dann endlich geschafft. Jetzt leitet er eine WhatsApp-Gruppe mit 746 Mitgliedern, in der sich junge Menschen austauschen können, die auf Wohnungssuche sind. Täglich schreiben Studenten und Auszubildende in die Gruppe, in der Hoffnung eine Wohnung zu finden. González ist glücklich hier. Trotzdem warnt er junge Menschen: „München ist eine schöne Stadt. Aber wegen der Preise muss man sich sehr gut überlegen, ob man hier wohnen möchte.“ZEYNEP POLAT

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