MÜNCHNER FREIHEIT

Ein Zamperl wie gemalt

von Redaktion

Ja, da schau her: jetzt also auch der Rembrandt, der alte Bazi! Hat er sich doch für sein berühmtestes Werk, die „Nachtwache“, beim Kollegen Adriaen van de Venne bedient. Postum reiht er sich nun ein in eine lange Reihe mehr oder weniger berühmter Menschen, die sich mit Plagiatsvorwürfen herumschlagen müssen. Dabei geht es mal um Millionen, wie beim US-Pop-Art-Star Jeff Koons oder dem Design-Streit zwischen Apple und Samsung, mal um Doktortitel wie bei Franziska Giffey und Karl-Theodor zu Guttenberg, manchmal auch nur um die schweizerischste aller Fragen: „Wer hat’s erfunden?!“

Die Grenzen sind, gerade in der Kunst, nicht immer leicht zu ziehen. Schließlich – jetzt begeben wir uns ins Labyrinth juristischer Spitzfindigkeiten – ist nicht jede Nachahmung ein Plagiat. Man kann das Werk eines anderen auch persiflierend verändern, zeitgemäß neu interpretieren oder zitieren.

Letzteres mag bei der Nachtwache eine Rolle gespielt haben. Vor allem aber stand Rembrandt ganz bestimmt unter Zeitdruck, ähnlich wie das Karl-Theodor der Vielnamige 387 Jahre später als Entschuldigung für seine Schummelei bei der Dissertation angeführt hat. Denn die Amsterdamer Büchsenschützengilde hatte ein Monumentalwerk geordert. Fast 16 Quadratmeter Leinwand waren zu füllen, das ist fast 40-mal die Mona Lisa!33 Personen in detailliert ausgearbeiteter Tracht, ein Haus, eine Fahne und einen monumentalen Torbogen hatte Rembrandt bereits in Öl verewigt. Die Schützengilde wartete ungeduldig, da fiel dem Meister Schreckliches ins Auge: Rechts unten im Eck, neben dem Trommler, gähnte ein Loch. Eine leere Fläche, die nicht zum Rest des Wimmelbildes passen wollte. Wie geschaffen für einen Hund. Apropos Wimmelbild: Das, so lernen wir, hat offenbar doch nicht der Ali Mitgutsch erfunden. Doch zurück zum Hund: Ein geeignetes Modell war nicht greifbar, und der verlauste Straßenköter, den ein Rembrandt-Schüler unter Zuhilfenahme einer Amsterdamer Leberwurst drunten in der Gasse einfing, wollte partout nicht stillsitzen. Da kam dem Maler ein Buch in den Sinn. Dessen Titelblatt zeigte einen Hund, meisterhaft in der Bewegung eingefangen von van de Venne. „A Hund is a scho, da Adriaen“, mag Rembrandt sich gedacht haben, als er die groben Linien des Tiers auf der Leinwand skizzierte. Durchaus möglich, dass das auch als Verneigung vor van de Venne gedacht war. Um Erlaubnis gefragt hat er den Kollegen aber wohl lieber nicht. Und vorsichtshalber – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – nahm er bei der Ausarbeitung in Öl die eine oder andere Änderung vor.

Fast 400 Jahre später beschäftigt der Casus Nachtwache nun die Kunsthistoriker. Den Kunstliebhabern dürfte es indes ziemlich egal sein, wie der Verbeiner den Weg auf die „Nachtwache“ fand. Denn ganz im Sinne des Historikers und Sprachmalers Helmut Kohl wissen sie: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ In diesem Fall: ein großes Bild mit einem schönen Zamperl. Direkt wie gemalt.