Nach einer Woche Wiesn, in der ich heroisch versucht habe, Körper, Seele und vor allem den Geldbeutel zusammenzuhalten, kam gestern der eindringliche Appell von Freund. C: „Halbzeit der Wiesn! Für die zweite Woche müssen wir noch eine Schippe drauflegen.“ Meine Antwort: Gerne, davor muss ich aber noch im Lotto gewinnen. Aber jetzt habe ich noch eine bessere Idee.
Denn: Ich werde mir meine künftigen Aufenthalte auf der Wiesn der Stadt München in Rechnung stellen – was ich auf der Wiesn mache, das ist mehr Arbeit als Freizeit. Eine Pauschale von 50 Euro für jeden meiner Wiesn-Tage fände ich fair für beide Seiten. Warum ich das verdient habe? Sehr einfach:
An meiner S-Bahn-Station geht es los, wo ich unentgeltlich Tag für Tag hilflose Australier in die richtige Richtung schicke. Petershausen kann mir dankbar sein, dass ich Mike, Jane und Co. an der Hackerbrücke absetze und nicht an der Endstation ausspucken lasse. Einmal im Zelt angekommen, reiche ich leere Masskrüge an die Bedienung durch, hänge heruntergefallene Janker auf und spiele Security – todesmutig stellte ich mich erst vor drei Tagen im Hacker zwischen eine junge Frau und ihren völlig derangierten Begleiter. Sie, die auch so sind wie ich, wissen ja, was man die ganze Zeit zu tun hat, am Tisch auf der Wiesn. Stille Arbeit, die keiner bemerkt.
50 Euro pro Tag Aufwandsentschädigung, das ist mehr als fair. Ansonsten, wenn gar kein Geld da ist, halt eine andere Form der Würdigung. Jeder Tourismusverein verleiht goldene Nadeln für treue Gäste und ich mit meinen 100 000 Stunden Wiesn habe noch kein Wiesn-Verdienstkreuz?
Also ein Belohungs-Projekt für gute Menschen auf der Wiesn. Erste Stufe: Wer von 16 Wiesn-Tagen mindestens an acht Tagen insgesamt mindestens 30 Stunden auf der Wiesn war, darf sich Premium-Besucher nennen. Als Premium-Besucher bekommt man nicht nur einen ganzen Liter Bier in seinen Masskrug, sondern immer um 12 und um 18 Uhr eine besondere Würdigung. Nach „Oans, zwoa, drei gsuffa“ sagt jeder Kapellmeister noch: „Wie immer um diese Zeit auch heute ein besonderer Gruß an die Premium-Besucher, die immer ein Auge auf alle anderen Gäste haben: Herzliches vergelt’s Gott.“
Als weitere Stufe, um die besten, hilfsbereitesten Wiesn-Besucher zu belohnen, würde man angelehnt an Fußballvereine und Fluggesellschaften die Senator-Besucher einführen. Das Reglement: Ab 12 Tagen Anwesenheit und mindestens 50 Stunden Freiwilligendienst ohne Bezahlung auf dem Oktoberfestist man Senator. Als Senator bekommt man einen beleuchteten Krug und das Bier ist ganz zart mit Goldstaub versetzt. Um 21 Uhr erfolgt dann, ebenfalls nach „Ein Prosit“, eine namentliche Erwähnung: „An dieser Stelle ein besonderes Dankeschön auch an den Martin, der ist hier Senator-Besucher und hat heute schon wieder drei Amerikaner in die stabile Seitenlage verfrachtet und mit dem Tisch eine große Wiesn-Breze geteilt.“
Jeder Senator, jede Senatorin, dürfte natürlich dann ein paar Worte sagen. Ich würde aber nur schüchtern winken und von der Kapelle meine beleuchtete Goldstaub-Mass ins Publikum halten. Ein Schluck, einmal Atmen – dann mische ich mich wieder demütig unters Wiesn-Volk und tue still und leise Gutes. So wie Sie und wir alle: unsichtbare Wohltäter auf dem größten Volksfest der Welt, die mit den 20 Euro im Geldbeutel heute Abend auf der Wiesn nicht weit kommen werden. Immerhin: Ab nächstem Jahr heißen wir Senator.