MÜNCHNER FREIHEIT

Einmal Universum bitte!

von Redaktion

Es gibt ja Ratschläge, die man dringend braucht, und solche, auf die man auch verzichten könnte. Ein aus meiner Sicht wichtiger Rat wäre zum Beispiel ein zugerufenes „Du musst an der Leine ziehen, damit der sich öffnet“, wenn man beim Fallschirmspringen ratlos Richtung Erde düst. Ein verzichtbarer Ratschlag war der, den mir kürzlich mein Nachbar zurief, als ich in größter Hektik auf dem Radl Richtung S-Bahnhof unterwegs war. Ich hörte ein Rufen hinter mir, bremste aus voller Fahrt auf null, schaute nach hinten und der Nachbar winkte und rief „Martin, weiter, immer weiter!“. Das war alles. Ich setzte mich wieder aufs Fahrrad und verpasste die S-Bahn.

Viele Ratschläge bekomme ich aktuell, weil Herbst ist. Denn während wir das Jahr über eigentlich nur Kaffee trinken, trinken wir im Herbst auch Tee. Meine Frau hat dafür besondere Teebeutel gekauft: Anstatt, dass auf dem Teebeutel-Fähnchen etwas gedruckt ist wie „Hagebuttentee“, stehen da ungefragt Weisheiten, ob anwendbar im Alltag oder nicht. Wenn ich gerade Hecke schneide, fällt es mir schwer, einen Satz anzuwenden wie: „Mach dich leer und lass dich vom Universum füllen.“ Oder abends, wenn man den ganzen Tag die Kinder bespaßt hat: „Universalität beginnt, wenn das Ego endet.“ Blanker Hohn? Ritterschlag?

Oder: „Lebe jetzt!“ Heißt das, jemand anderes wechselt meine Reifen und ich hüpfe ins Bällebad?

Für den Hersteller dieser Tees sind die Sprüche Gold wert: Aus einem Gewürztee wird plötzlich psychologische Beratung und dann kostet der Beutel gleich mal das 10-fache, als wenn dort stünde: „Ein paar zermahlene Fenchelkörner vermischt mit Currypulver.“ Komisch nur, dass heimische Lebensmittelerzeuger noch nicht auf den Zug aufgesprungen sind. Bayern, das Land legendärer Sprüche wie „Schau mer mal, dann seng mas scho“ oder „Bin I Radi, bin I König“, ist prädestiniert dafür! Zum Beispiel Brezn: Jeder Bäcker könnte noch 50 Cent draufschlagen, wenn er um seine Brezn eine Schleife mit einem Satz bindet wie: „Verknote dein Leben nicht, lebe es!“ Oder: „Lebe wie die Breze: Knusprig und heiter immer weiter.“ Auch Metzger könnten direkt in ihre Wurstketten die Sprüche eindrehen: „Eine neue Weißwurst ist wie ein neues Leben“ oder „Genieße die Wurst. Alles andere ist Wurscht“. Oder Bier: Auf jeder Flasche zwei Sätze und plötzlich ist eine Lkw-Ladung Bierkästen gleichzeitig Goethes Faust. Oder die Bibel. Oder das Grundgesetz.

Und das würde dann alles verändern! Eher nicht. In meinem Leben sind die lebensvertiefenden Botschaften auf den Tee-Fähnchen leider bislang verhallt. Dafür kann ich immer noch die völlig sinnfreie Zutatenliste auf unserer Kakaopackung in den 1980er-Jahren auswendig: „Zucker“, „Dextrose“ und vor allem „Emulgator: Sonnenblumenlecithin“. Bis heute weiß ich nicht, was das sein soll.

Was hätte aus mir werden können, hätte auf der Kakaopackung damals gestanden: „Lass dich vom Universum füllen.“ Ich versuch’s ab heute. Dann mal los, Universum, ich bin bereit!

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