Ein ewiger Albtraum im Netz

von Redaktion

Identitäts-Klau: Betrüger nutzen Kathrin Rudolphs Namen für Straftaten

Unter Kathrin Rudolphs Namen verkaufen Betrüger Holz, Fernseher oder Küchenmaschinen im Internet – und zocken tausende Kunden ab. © Oliver Bodmer

Vor drei Tagen stand wieder wer vor Kathrin Rudolphs Tür. „Er wollte den Fernseher abholen, den er angeblich gekauft hatte“, sagt die zweifache Mutter (49) aus Haar. Ihr Mann erklärte ihm die Lage: alles Betrug. Es ist nicht der erste verärgerte Besucher bei den Rudolphs: Seit 2021 geistern gefälschte Anzeigen unter ihrem Namen durchs Netz – mit tollen Angeboten, die es gar nicht gibt. „Fernseher, Boote, Autos, Küchenmaschinen: Alles, was es zu kaufen gibt, biete ich scheinbar im Internet an.“ Dabei ist sie es nicht wirklich – sondern es handelt sich um Betrüger, die Rudolphs Identität gestohlen haben. Und damit seit vier Jahren Geld scheffeln.

2021 hatte Rudolph eine Playstation 5 für ihren Sohn kaufen wollen. Sie fand ein Angebot in der Kleinanzeigen-Sparte des Online-Netzwerks Facebook. Der Verkäufer bat sie um ein Foto ihres Personalausweises. Sie schickte ihm eins per WhatsApp. Dazu ein Video von sich, in dem sie bestätigt, dass es ihr Pass ist. Danach hörte sie plötzlich nichts mehr vom Verkäufer – und der Ärger ging los.

Ein paar Wochen später stand ein Mann vor ihrer Tür. Wollte die Ware abholen, die er bezahlt, aber nicht bekommen hatte. Kathrin Rudolph fiel aus allen Wolken. Seitdem hört der Albtraum nicht auf: „Als es ganz schlimm war, gab es täglich 200 Anzeigen mit meinem Namen auf Facebook, und es klingelten fünf bis sechs Menschen am Tag bei uns“, sagt sie. Absurd: Sogar Holz war unter ihrem Namen verkauft worden – für 10 000 Euro. Rudolph: „Würde unser Haus nicht uns gehören, wir wären längst umgezogen.“

Noch vier Jahre später hat Kathrin Rudolph regelmäßig Besuch von betrogenen Käufern, „aber es sind weniger, nur noch ein oder zwei die Woche“. Sie glaubt, dass sich der Betrug langsam herumgesprochen hat – auch durch Internet-Posts, die davor warnen. Oder Artikel, unter anderem auch in unserer Zeitung. Jetzt will auch Bayerns Justizminister Georg Eisenreich auf den Namens-Klau aufmerksam machen – und härter dagegen vorgehen. Identitätsdiebstahl sei bereits strafbar, sagt der CSU-Politiker im Gespräch. Beim Identitätsmissbrauch sei die Gesetzeslage lückenhaft. Eisenreich will das mit einem Antrag auf der Justizministertagung im November ändern.

Auch wenn mit ihrem Namen Betrug begangen wird – rechtliche Konsequenzen muss Kathrin Rudolph zum Glück nicht fürchten. „Ich habe den Identitätsdiebstahl sofort angezeigt, da weiß die Polizei mittlerweile Bescheid“, sagt die 49-Jährige. „Die psychische Belastung ist aber mindestens genauso schlimm.“THOMAS GAUTIER

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