Wo Olympia wohnen würde

von Redaktion

Die Baupläne im Nordosten der Stadt – und die Befürchtungen der Gegner vor Ort

Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Bauminister Christian Bernreiter. © dpa

Daniela Vogt (erste Reihe, 2. von li.) mit anderen Olympia-Gegnern. © Rösch

So könnte das Olympiadorf aussehen – als Teil des geplanten Quartiers im Nordosten.

Die einen erhoffen sich einen „Turbo“ für den Wohnungsbau, die anderen fürchten um ihre Heimat: Die Pläne für ein neues Olympiadorf in München sind umstritten. Sollten die Spiele 2036, 2040 oder 2044 wirklich in München stattfinden, müssten Sportler und Co. irgendwo untergebracht werden. Die Stadt hat dafür bereits konkrete Ideen: Im Münchner Nordosten, zwischen Daglfing/Englschalking und dem Hüllgraben, könnte das neue Dorf mit rund 4000 Wohneinheiten entstehen. Es böte Platz für knapp 19 000 Athleten, Offizielle sowie Pressevertreter.

Das langfristige Ziel: Nach den Spielen könnte aus dem temporären Quartier für die Sportler ein Wohnviertel für rund 10 000 Menschen werden – ganz nach dem Vorbild des bereits bestehenden Olympiadorfs (siehe Kasten). Für den Wohnungsbau böten die Spiele großes Potenzial, das zeige ein Blick zurück, sagt Münchens Stadtbaurätin Elisabeth Merk: „Die einzigen Jahre, als wir in München genügend Wohnungen hatten, ja kurzzeitig sogar einen Leerstand, waren nach den Olympischen Spielen 1972.“

Nur sind innerstädtische Flächen seitdem eher rarer geworden. Das neue Olympiadorf ist deshalb auf Flächen geplant, auf denen die Stadt ohnehin ein neues „zukunftsorientiertes Wohnquartier“ für 30 000 Einwohner errichten will – mit Schulen, Kitas, Geschäften, Parks und einem eigenen Badesee. Ein neuer Stadtteil im Münchner Nordosten – auf einer Fläche von rund 600 Hektar neben Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen, auch bekannt als „SEM-Gebiet“. Für die Fläche nutzt die Stadt nämlich das Instrument einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM). Ein Mittel, um Bodenspekulation einzudämmen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

„Das Olympiadorf könnte der Auftakt für dieses neue Viertel sein“, sagt Philine Stadtmüller. Sie ist im Planungsreferat zuständig für das neue Quartier. Olympia könnte ein „Motor“ sein, das Gebiet schneller zu entwickeln, sagt sie. Die Stadt erhofft sich von einem Zuschlag für die Spiele zusätzliche Mittel – sowohl für Wohnungsbau, Infrastruktur und den Nahverkehr.

Ein Problem: Die Fläche des möglichen Olympiadorfs gehört der Stadt nur zu rund 85 Prozent. Der Rest, also 15 Prozent, ist in Besitz von Privatpersonen wie Landwirten. Die Stadt geht gerade auf die Eigentümer zu, um mit ihnen über mögliche Lösungen zu sprechen. Auch auf Theresa Löhnert (28) und ihre Eltern – ihre Familie lebt seit Generationen auf dem Gebiet, betreibt dort auch ein Gartencenter. Die Familie hat kürzlich ein Schreiben erhalten. Darin steht, dass ihr Grundstück möglicherweise von der Olympia-Planung „berührt“ werde. Für die Planung seien „Kooperationen“ mit den Eigentümern erforderlich, heißt es. Die Familie ist nun verunsichert: „Wir haben Angst, unser Zuhause zu verlieren“, sagt Löhnert. Immer wieder taucht in der Debatte auch das Schreckgespenst Enteignung auf. Die Stadt beruhigt: Zunächst soll mit den Grundeigentümern über deren Pläne gesprochen werden – etwa, ob sie einem Grundstückstausch oder einer gemeinsamen Entwicklung der Fläche offen gegenüberstehen. „Wir wollen mit ihnen einen gemeinsamen Weg Richtung Olympia gehen“, sagt Stadtmüller. Und Enteignung als letztes Mittel? Bislang liefen erst Untersuchungen – eine Entwicklungssatzung, mit der die Stadt grundsätzlich enteignen könnte, ist nicht beschlossen.

Es gibt weitere Kritik an den Plänen: Manche Anwohner befürchten, dass das schnelle Wachstum ihr Gebiet überfordern könnte, infrastrukturell wie ökologisch. „Olympia kommt auf einen Schlag. Wenn wir langsamer wachsen, lassen sich die Probleme besser lösen“, sagt Daniela Vogt aus Daglfing. Sie ist Gründerin der Initiative „Bündnis Nordost“, deren 170 Mitglieder sich gegen die Pläne der Stadt einsetzen. Vor allem die Eingriffe in die Natur machen ihnen dabei Sorgen – etwa negative Folgen auf das Grundwasser durch den Bau.

Stadtbaurätin Elisabeth Merk sagt dazu: „Wir müssen die Bedenken der Anwohner ernst nehmen.“ Es gäbe bereits mehrere Gutachten, die mögliche Folgen für Natur und Umgebung aufzeigen. Das Ziel sei, mit diesem Wissen so zu planen, dass negative Folgen weitestgehend ausbleiben: „Das ist möglich“, sagt Merk.JULIAN LIMMER

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