Rund 11 000 Obdachlose gibt es in München, die in Lagern wie diesem leben. © Andreas Gebert/dpa
Die Frauenleiche wurde am Rande einer Baustelle gefunden. © Friedrich/DPA
Schon jetzt gehen die Temperaturen nachts in Richtung Gefrierpunkt – und der Winter steht noch längst nicht vor der Tür. Für die Menschen, die auf der Straße leben, beginnt damit die schwerste Jahreszeit. Das Milieu ist hart und fordert immer wieder Opfer: Ob die Frau, die in der Nacht zu Dienstag in einem abgebrannten Verschlag gefunden wurde, dazu gehörte, steht noch nicht ganz fest. Bislang konnte ihre Identität nicht abschließend geklärt werden. Vieles spricht aber dafür, dass sie eine Obdachlose war – und Opfer eines Gewaltverbrechens wurde.
Die Mordkommission der Polizei hat die Ermittlungen in dem Fall übernommen, in dem es bislang noch viele Fragezeichen gibt. Fest steht: Anwohner meldeten um 23.47 Uhr ein Feuer nahe der Lerchenauer Straße. Hinter einem Baumarkt befindet sich ein großes Baustellenareal.
Wiederum dahinter: ein verwildertes Grundstück mit einer kleinen Obdachlosen-Behausung. Ein unwirklicher Ort, an dem mitten im Gestrüpp alte Möbelstücke stehen, überall im Gebüsch liegen Flaschen und Müll.
Als die Feuerwehr um kurz vor Mitternacht gerufen wird, geht sie zunächst von einem brennenden Auto aus. Dann machen die Einsatzkräfte eine verstörende Entdeckung. „Bei den Löscharbeiten wurde eine unbekannte weibliche Leiche gefunden“, teilt die Polizei mit. Die Todesursache konnte noch nicht final festgestellt werden, die laufende Obduktion ergab Hinweise auf ein Gewaltdelikt. Wie viele Menschen in dem Verschlag lebten, ist noch unklar. Zeugen werden gebeten, sich unter Telefon 089/29100 zu melden.
Der Fall erinnert an das Schicksal von Raimund Auer, einem Obdachlosen, der in ganz Schwabing bekannt war. Der 78-Jährige wurde im November 2023 verbrannt an seinem Schlafplatz im Englischen Garten gefunden. Die Ermittlungen zeigten, dass Auer mit zwölf Hammerschlägen auf den Kopf umgebracht und ausgeraubt wurde. Um seine Tat zu vertuschen, zündete Geza V., selbst Obdachloser, sein Opfer an. Der 57-Jährige erhielt lebenslänglich.
Taten wie diese rufen ins Bewusstsein, dass auch in München viele Menschen nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Aktuell gibt es rund 11 000 Wohnungslose, Tendenz: steigend. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Für Obdachlose gibt es Schlafplätze – etwa den Übernachtungsschutz an der Lotte-Branz-Straße. Wer sich trotzdem für die Straße entscheidet, ist anderen Kräften ausgeliefert. Kälte ist nur eine von ihnen.NADJA HOFFMANN