Das habe ich an der Münchner Drehbuchwerkstatt gelernt: Was wir auf der Leinwand großartig finden, wollen wir auf keinen Fall wirklich erleben. „Das Schweigen der Lämmer“ zum Beispiel ist ein toller Film, aber nur, solange man nicht im wahren Leben einem Kannibalen begegnet, der die Leber seines Opfers mit ein paar Fava-Bohnen und einem ausgezeichneten Chianti genoss. In seinem Alltag braucht der Filmliebhaber keine Spannung. Für ausreichend Nervenkitzel am Feierabend sorgt die Frage, ob in der Chipstüte noch was drin ist.
Manchmal allerdings, wenn ich meine Arbeitswoche verbracht habe im Liebestaumel meiner Filmfiguren, sehne ich mich nach etwas Nervenkitzel. Dann mache ich einfach einen Termin im Wolfratshauser Ortsteil Waldram aus und versuche, mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzufahren. Ich muss dafür einen Bus zum Harras nehmen, dann die S7 nach Wolfratshausen und dort wiederum einen Bus in Richtung Bad Tölz. Zwei Mal umsteigen und trotzdem pünktlich ankommen – das ist die Eiger Nordwand des ÖPNV. Wäre der Sprint auf dem Bahnsteig eine olympische Disziplin, kämen die Favoriten sicherlich aus Waldram.
Im September gelang mir bei meinem Thriller des Alltags folgender Rekord: Der Bus meiner Wahl fiel kurzfristig aus. Ich nahm stattdessen ein Taxi zum Harras, was den Fahrpreis für meine Reise verdreifachte. Dort aber kam die S-Bahn mit einer Verspätung, die nicht mehr aufzuholen war – sodass ich in Wolfratshausen den Bus verpasste und die letzten 2,8 Kilometer nach Waldram zu Fuß ging. Meine Reise kostete nicht nur drei Mal so viel, sondern dauerte auch drei Mal so lang. Wenigstens bekommt man was für sein Geld.
Ich würde jetzt zu gern schreiben, dass das sicherlich nur eine Ausnahme war. Ich halte nämlich den Öffentlichen Nahverkehr für eine großartige Erfindung und absolut unterstützenswert. Allerdings nehme ich öfter diese Thriller-Kombination aufs Land, die mir übrigens auch von der MVV-App angeboten wird. Und mittlerweile bin ich mit den Menschen, die an meinem Fußweg nach Waldram wohnen, per Du.
Aufgrund meiner Odyssee im September beschwerte ich mich per Mail beim MVV. Ich erhielt eine interessante Antwort: Ich möge beachten, dass der MVV ein Verbund einzelner Anbieter sei. Das stimmt. Der Bus in München gehört der MVG, die S-Bahn der Bahn, der Bus am Land dem RVO. Aber mit Verlaub: Wenn der Torwart den Ball ins eigene Tor wirft, der Verteidiger Rot kassiert und die Stürmer nicht treffen, dann verliert trotzdem die ganze Mannschaft.
Ich werde trotzdem weiterhin öffentlich nach Waldram fahren. Aber ich treffe mich ab jetzt nur noch mit Menschen ohne Uhr.