Der Bierschuppen liegt mitten im Schlachthofviertel. Irmi steht auch mit 83 noch hinter dem Tresen.
Die Barkeeperin Simi im Le Clou. Draußen eine Gruppe von Studenten – mit Jan K. (2. v. r.). © O. Bodmer (4), J. Limmer
Alle sind willkommen: Die Mischung macht’s, weiß David Drank von der Bumsvoll Bar.
Hinter ihr hängen gerahmteErinnerungen, die von einem Leben zwischen Bier, Schnaps und Freundschaft erzählen. Dutzende Bilder und Andenken an der Wand – aus fast 40 Jahren Boazn-Geschichte. Ein Fotomotiv taucht immer wieder auf, leicht variiert: bunte Blumen, Tulpen und Rosen, die das Fenster zur Straße unter dem Schriftzug „Bierschuppen“ zieren. Auf jedem der Fotos formen sie unterschiedliche Zahlen – die höchste ist gerade die 83. So alt ist sie – die Wirtin des Bierschuppens: Irmgard Jörg, die alle nur Irmi nennen. Ihre Stammgäste überraschen sie jedes Jahr zum Geburtstag mit Blumenschmuck vor der Kneipe. Ihre Gäste seien für sie wie eine Familie, sagt Irmi: „Jeder is für oan do.“
Seit 1987 betreibt Irmi die Boazn im Schlachthofviertel (Reifenstuelstraße 9). Es sei eigentlich nie ihr Lebensplan gewesen, ein Bierlokal zu führen, sagt sie. Aber was sind schon Pläne: „Ich bin do so neigschlittert.“ Vorher hatte ihr Mann ein paar Jahre das Lokal. Als er einen Unfall hatte, musste sie übernehmen. Seit fast 40 Jahren spielt Irmi nun schon die Hauptrolle hinterm Tresen, fast täglich von morgens bis abends.
Wie an diesem Dienstag. Es ist kurz nach 18 Uhr, Radiorock schallt aus den Boxen. Irmi, kurzes grauweißes Haar, leicht getönte Brille, steht an der Zapfanlage, schenkt Bier und Schnaps ein. Hinter ihr ein Regal voller Zigarettenschachteln, daneben eine überdimensionale Asbach-Uralt-Flasche, die kopfüber an der Wand hängt. Ein Mann steckt gerade einen Zehner in den Spielautomaten in der Ecke. Er hat kein Glück, geht leer aus. Achselzuckend sagt er: „Irmi, das ist was für deine Rente.“ Er meint den Schein im Automaten. Sie lacht: „Ja dann kann i ja moang aufhörn.“ Der Mann ist ein wenig entsetzt: „Na, ned! Dann hole ich das Geld wieder raus.“ Wieder Lachen!
„Geht’s nach meinen Gästen, soll ich bis 100 hierbleiben“, sagt Irmi. Klar, wer so lang da ist, baut enge Bindungen auf, wird für viele unverzichtbar. Eine Frau am Tresen sagt: „Die Irmi ist mehr als eine Freundin.“ Ihr Lokal ist für viele Gäste eine Art Kontaktbörse, man helfe einander. Wie wichtig sie für einige ist, zeigt sich auch auf einem weiteren Bild an der Wand: Irmi im Cockpit einer Propellermaschine. Es war ein Flug über die Alpen, den ihr ein Gast geschenkt hatte, sagt sie. Nur eines von vielen Geschenken ihrer Kundschaft. „Ich werd schon recht verwöhnt“, sagt sie.
Dabei habe sie vor einiger Zeit schon mal darüber nachgedacht, wirklich aufzuhören, sagt sie. Doch dann dachte sie: „Ob ich daheim sitz oder hier, is auch egal.“ Sie schaut einmal durchs Lokal, grinst: „Sigst ja, was mia für einen Spaß haben.“
Einige Stunden später im „Le Clou“ (Heiliggeiststraße 1): Ein großer Mann, Pferdeschwanz, Lederjacke, Ringe an den Fingern, hängt über dem Tresen und philosophiert über Münchens Kneipenkultur. „Schau dir die Läden in der Gegend an. Alles schick und nett. Aber was ist mit den echten Boazn? Die sterben aus“, brüllt er gegen einen 80er-Jahre-Hit an. Er meint Orte, an denen sich „Gott und die Welt trifft, Arm und Reich“, wie er sagt – wo soziale Grenzen verschwimmen wie die Erinnerungen zu später Stunde. In einer mehr und mehr gentrifizierten Stadt werden solche Orte rarer. Zum Glück gibt’s noch das „Le Clou“, sagt der Mann. Hier, wo einst Weltstars wie Freddie Mercury zwischen einfachen Kneipengästen feierten, wie Fotos an der Wand zeigen, da stoßen heute Ur-Münchner, Touristen und Studenten an.
Was sie verbindet? „Wir haben einfach geilen Spaß“, sagt Barkeeperin Simi Dhital (30). Auch an diesem Abend ist das Publikum bunt gemischt. Neben älteren Herren sitzt eine Gruppe von aktuellen und ehemaligen TU-Studenten im Schummerlicht am Tresen im Eck – sie sind auf Kneipentour. Auch sie schätzen die gute alte Boazn. „Ich find’s fantastisch, wenn die Stühle abgegriffen sind, die Oberfläche abgewetzt“, sagt Jan K. (34). Irgendwie ehrlich.
Dass es auch junge Leute in die Boazn zieht, zeigt sich auch in der „Bumsvoll Bar“ in Giesing. Eine recht neue Kneipe, die erst vor einigen Jahren aufgesperrt hat. In den Räumen, wo schon früher Viertel-Boazn wie die „Bar Angelo“ beheimatet waren, sitzen nun Gruppen junger Gäste an Tischen und Tresen. Doch auch alteingesessenes Publikum aus den Vorgänger-Lokalen schaue noch vorbei, sagt Mitarbeiter David Drank. Die Mischung mache eine Boazn erst authentisch: „Ob der Mann am Spielautomaten, der besoffene Fußballfan oder der Junggesellenabschied – jeder ist willkommen.“ JULIAN LIMMER