MÜNCHNER FREIHEIT

Nackertsein – ein Fall für die Heimatpflege?

von Redaktion

Wie schön wären Venedig, Paris und der Königssee, wenn nicht die blöden Touristen wären. Andrerseits schade, wenn so was wie die Eisbachwelle ausfällt und der Tourist weniger zu schauen bekommt. Tatsächlich sind die Surfer als Schauwert bitter nötig, denn im Laufe der letzten Jahrzehnte ist eine andere Hauptsehenswürdigkeit fast verschwunden. Und zwar ohne Verlustgewuisel der Bevölkerung oder Bewahrungsansprachen des Bürgermeisters: die Nackerten!

Seit Jahren sinkt im Englischen Garten allsommerlich die Fläche an nackter Haut pro Quadratmeter. Die Jugend, fehlgeleitet durch Internet und Bubble Tea, verhüllt sich dreist vor den Blicken der Reisenden. Nur vereinzelte rüstige Senioren flanieren noch auf der Wiese und lassen nicht nur die Seele emsig baumeln. Dieses Schauspiel ist heute nicht mehr Welterbe-verdächtig, hat aber früher Tausende an den Eisbach gelockt. Aus dem dramatischen Verlust an Nacktheit erfolgt jedoch kein Aufschrei der Nostalgiker, kein Textilverbot und auch keine Bade-Initiative vom Landesverein für Heimatpflege. Dabei böte gerade München die seltene Chance, den Touristenandrang selbst ins Panorama zu verwandeln.

In den Neunzigern waren mal zwei junge Burschen zu Besuch. Gleich als Erstes haben sie sich die Nackerten angeschaut, dabei allerdings Badehosen getragen, denn sie waren aus Irland und recht katholisch. Nach gebührendem Staunen, vielleicht auch um ihre touristische Begeisterung abzukühlen, sind sie in den reißenden Eisbach gehupft und haben sich treiben lassen. Bald allerdings wittern sie Gefahr durch ein schmerzhaftes Streckenende, suchen Halt und Ausstiegshilfe und finden beides in einem dicken Draht, der über dem Bach gespannt ist. Sie greifen beherzt zu und – zack! – sind die Badehosen weg. Auf ihrem Rückweg waren diese beiden irisch-katholischen Buben somit selbst ein kleiner Beitrag zu einer Münchner Sehenswürdigkeit. Ein schönes Ferienerlebnis, von dem sie noch lange berichtet haben. Hoffentlich auch dem Pfarrer.

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