Viel zu oft kaufe ich mir diese Heftchen, die verkaufspsychologisch perfekt vor Kassen im Supermarkt platziert sind. Bei mir funktioniert das hervorragend. Ich muss warten und schon richtet sich meine Aufmerksamkeit auf den Ständer mit den Rezeptheften. Meistens ist es das Gericht auf der Titelseite, welches mir Appetit macht und das ich unbedingt zubereiten möchte, es aber niemals auf unseren Esstisch schafft. Diese Illustrierten füllen bei mir mittlerweile zwei Regale. Mein Vorsatz fürs neue Jahr: verschenken und entsorgen. Meine neueste Errungenschaft enthält auch eine Doppelseite an Relax-Rezepten für die Feiertage. Die fand ich so interessant, dass ich sie gerne teilen möchte, sollte bei Ihnen heute am Tag der Tage noch nicht alles perfekt beziehungsweise so sein, wie Sie es sich vorstellen.
Der Baum steht vielleicht schief, die Dessertcreme wird nicht richtig fest, dafür sind die Wasserflaschen auf dem Balkon gefroren, das Paket, für das man horrende Expressgebühren bezahlt hat, kommt doch erst Anfang nächsten Jahres, das Outfit passt gerade mal so und vermittelt das Gefühl von Presswurst, und dann kommt noch dieses Gefühl, dass das Essen vielleicht nicht reichen könnte.
Jetzt aber zur Abhilfe: Man kann sich mit kleinen Tricks ablenken und so die Aufregung ablegen. Zum Beispiel einen langen Bleistift oder ein Essstäbchen in den Mund nehmen und sanft (!) darauf beißen. Dabei würde man nämlich dieselben Mini-Muskeln wie bei einem echten Lächeln reizen, man trickst das Gefühlszentrum im Gehirn aus und innerhalb von 60 Sekunden übernehmen wieder die Gute-Laune-Botenstoffe! Dezentes Lächeln ist nicht so meins, sondern eher lautes Lachen und so hat auch mein Holz-Essstäbchen keine leichten Bissspuren, sondern ein jederzeit pathologisch identifizierbares Zahnprofil.
Nächster Tipp: Seife unter die Nase. Duft als Beruhigungsmittel. Darauf schwören japanische Aromaforscher. Seife in die Hand nehmen, mit geschlossenen Augen intensiv daran schnuppern. Nach zehn tiefen Atemzügen spürt man neue Gelassenheit. Bei meinem Seifenspender schnaufe ich jedes Mal ein bisschen Flüssigseife ein. Jetzt habe ich permanent Gute-Laune-Duft in der Nase. Geschenktipp für nächstes Jahr gegen Vorweihnachtsstress: Nikolaus-Sackerl mit bissfestem Holzstäbchen und ein Duftbäumchen mit „Unternasenbefestigung“. Der Tipp, der mir wirklich gefallen hat, war die „Happy Meditation“: Einen ungestörten Ort suchen, Augen schließen, hinsetzen oder hinlegen und tief in den Bauch atmen. Zehn Atemzüge so verweilen.
Ich muss heute noch kurz auf die Post – ein Paket abholen. Wenn Sie da heute auch zufällig noch hinmüssen und eine Frau auf dem Boden liegen sehen, mit geschlossenen Augen, ein Holzscheit zwischen den Zähnen und Duftkerze unter der Nase – bitte liegen lassen. Das bin nur ich, tiefenentspannt wartend. Und dabei kommt mir der schönste Gedanke: „Weihnachten ist, wenn die besten Geschenke am Tisch sitzen und nicht unterm Baum liegen.“
In diesem Sinne – Ihnen allen ein wunderschön entspanntes Weihnachtsfest!redaktion@ovb.net