MÜNCHNER FREIHEIT

Ich versteh‘ nur Bahnhof

von Redaktion

„Schmidt!! Was haben Sie sich denn dabei gedacht?! Haben Sie überhaupt etwas gedacht!?“ Jahrzehnte sind vergangen, aber ich höre die Stimme von Herrn Huber glasklar und schneidend, als stünde er neben mir. Vielleicht hätte mein Deutschlehrer aus der Oberstufe auch zur Belustigung der ganzen Klasse gefragt: „Was haben Sie denn geraucht?“ Und dann wäre sein heiliger Zorn über mich gekommen. „Central mit C – das war schon bei Ihrem Großvater nicht mehr richtig. Und Substantive stellt man im Deutschen nicht einfach nebeneinander hin, damit die Leser raten können, ob und was sie miteinander zu tun haben! Gehen Sie mal zu Frau Kurzidem in die 6b. Da lernen sie gerade, dass man in solchen Fällen zusammenschreibt oder koppelt.“

Herr Huber hat Recht – immer noch. Und ich kann zu meiner Entschuldigung nur vorbringen: Ich habe mir das nicht ausgedacht. Dass das Münchner Bahnhofsviertel künftig „Central Quartier“ heißen soll, ist Ergebnis eines aufwendigen Findungsprozesses. Nur: Wozu der Aufwand? Klar – beim gegenwärtigen Zustand der Bahn ist niemand scharf darauf, sie im Namen zu führen. Aber Umstände können sich ändern (und hoffentlich auch verbessern), Namen bleiben. Was hier bleiben wird, ist ein seltsames Konstrukt: Zwei Wörter, nicht deutsch, nicht englisch, die wohl Weltläufigkeit ausstrahlen sollen, es aber mit vereinter Kraft doch nur zu einem Allerweltsnamen bringen. Central Quartier – was soll das sein? Ich versteh‘ nur Bahnhof – und bin fast schon froh, dass nicht noch ganz andere, komplett englische Bezeichnungen das Rennen gemacht haben. „Middle of Munich“ beispielsweise ließe sich bestens als Drei-Buchstaben-Abkürzung auf T-Shirts drucken. Mit dem „o“ wahlweise in Brezn- oder Herzerlform. Und wenn die Mitte schon mal neu definiert ist, geht’s gleich mit dem Marienplatz weiter. Der Name klingt ein bisserl altbacken und ist alles andere als einzigartig. Schon in Pasing gibt’s den nächsten. Weg damit und etwas Neues her, das sich im Immobilienentwicklersprech besser vermarkten lässt.

Mit Verlaub: Nein! Das Bahnhofsviertel hat, unbestreitbar, seine Probleme. Aber die werden nicht verschwinden, wenn man dem Kind einen neuen Namen gibt. Und der Bahnhof, den es früher einmal mit Stolz im Namen führte, ist nun mal ein prägendes Element. Erstaunlich, dass sich auch der Bezirksausschuss für den faulen Zauber hergegeben hat. Statt auf Probleme zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange und sich von der wohlkalkulierten Kriminalitäts-Hysterie anstecken zu lassen, mit der einige Politiker ihre Karriere befeuern, sollte das Gremium aktiv die Besonderheiten des Viertels hervorheben. Und die gibt es zuhauf: Kaum ein anderer Stadtbezirk entwickelt sich so rasant, kaum einer bietet derartige Kontraste: Vom neuen Hightech-Klinikquartier über die Landwehrstraße mit Läden, wie es sie anderswo kaum mehr gibt, bis zu den Gründerzeitvillen um den Goetheplatz reicht das Spektrum. Und der alte Name, überliefert aus Zeiten, in denen die Bahn noch die Verbindung zur weiten Welt herstellte, steht für all das.

Zum Glück bewahren mich zwei weitere Argumente davor, den Rest des Tages im Dauergrant zu verbringen. Erstens: Mein Vertrauen in die Münchnerinnen und Münchner. Die haben sich bisher noch selten etwas aufzwingen lassen. Wenn die Menschen das Bahnhofsviertel behalten wollen, werden sie es tun. Und zweitens: Der Christbaum steht noch im Wohnzimmer, und ein neues Jahr liegt vor uns. Das sollten wir nicht damit beginnen, uns zu ärgern. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, A HAPPY NEW… Nein ganz bestimmt nicht. Sondern ganz altmodisch: Einen guten Start ins neue Jahr. Im Bahnhofsviertel genauso wie anderswo in der Stadt.

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