Freunde des Fortschritts verzweifeln dieser Tage. Nichts geht voran in unserem Land. Nirgendwo bekommt man Termine. Überall staut es sich, man denke nur an die Autos auf dem Weg in die Skigebiete. Und die Menschen leben weit über ihre Verhältnisse, trinken Champagner an einem Mittwoch! Das stimmt alles. Aber erstens war der besagte Mittwoch der Silvesterabend. Und zweitens beginnt bei den meisten am kommenden Mittwoch das Arbeitsjahr – und damit endet das süße Nichts zwischen den Jahren, dieser zweiwöchige, sehr private Reformstau.
Die Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag sind die einzigen beiden Wochen im Jahr, in denen man guten Gewissens Urlaub nimmt. Verreist man im August, so warten bei der Heimkehr 2000 Mails im Postfach. Im Januar dagegen ist da nichts, nur ein paar mittlerweile veraltete Grüße von den Strebern, die vor Heiligabend so lange in ihrem Büro sitzen blieben, als ginge es um den Weltmeistertitel im Saunieren.
Und doch sind diese beiden Wochen nicht ungefährlich. Plötzlich scheint Zeit zu sein für die Dinge, die man so lange vor sich herschob: Wer nicht aufpasst, gestaltet urplötzlich ein Fotobuch über das Jahr 2012. Andere packen an – und überraschen sich selbst. Ich habe zum Beispiel seit dem Sommer mit einer defekten Schuh-Kommode gelebt. Eine Klappe ließ sich nicht mehr öffnen, oder besser gesagt: nur mit Gewalt und einem Geräusch irgendwo zwischen Erdrutsch und mehrfachem Knochenbruch. Allerdings bin ich, was das Handwerk angeht, mit unglaublich wenig Talent und unglaublich viel Phlegma gesegnet. In anderen Worten: Geht in meiner Wohnung etwas kaputt, arrangiere ich mich damit. Mein Werkzeugkasten ist schon längst in Psychotherapie, weil er sich nicht gesehen fühlt.
Im Falle meiner Schuhkommode bedeutete dies: Im Herbst standen meine Schuhe überall, nur nicht in der Kommode. Natürlich stolperte ich mehrmals darüber. Aber deswegen muss man doch nicht die Kommode reparieren! So was passiert einfach – ich hätte ja auch über die Pizzakartons neben den Schuhen stolpern können. Im Dezember war der Nikolaus offensichtlich völlig überfordert von der Frage, welchen Schuh er denn jetzt füllen solle – und zog deshalb mit den Süßigkeiten gleich weiter zu den Nachbarskindern. Dann aber kam der 30. Dezember, und ich beschloss vor lauter Erholung, mir die Kommode genauer anzusehen. Die Untersuchung ergab: Eine Schraube musste angezogen werden, das war’s. Nach vier Monaten voller Ärger war das Problem in 42 Sekunden behoben. Wäre Zaudern eine Sportart, wäre ich seit über fünfzig Jahren Champion. Aber so habe ich wenigstens Geschichten zu erzählen.