MÜNCHNER FREIHEIT

Was uns die Schäffler lehren

von Redaktion

Sie tanzen wieder, die Schäffler, und die Münchner haben es so nötig wie vor 509 Jahren, als die Tänzer der Überlieferung nach zum ersten Mal in teils grotesker Choreografie durch die Straßen zogen. Damals, so heißt es, wollten die Fassmacher den Menschen nach einer Pest-Epidemie Mut machen, sie wieder auf die Straße und damit ins öffentliche Leben locken. Und heute? Mutlosigkeit, wohin man blickt.Wer sich in der Stadt umhört, dem dringt eine Litanei von Klagen ins Ohr: die Mieten unerschwinglich, der Verkehr ein einziges Chaos, die Verwaltung zu langsam, die Gesundheitsversorgung vor dem Kollaps, die Flut von Vorschriften je nachdem, wen man fragt, lähmend oder lückenhaft, die Kriminalität besorgniserregend, der gesellschaftliche Zusammenhalt von radikalen Kräften bedroht, und jetzt ist auch noch die Eisbachwelle weg!

Nun ist es ja so, dass der Münchner zu seiner Stadt seit jeher ein ambivalentes Verhältnis pflegt. Eine Art Hassliebe, in der musikalische Liebeserklärungen wie das „Isarmärchen“ friedlich neben dem über Generationen kultivierten Münchner Grant und der ihm entspringenden Kritik an allem und jedem existieren konnten. Doch die Gewichtung hat sich verschoben. München, das ist heute immer weniger Märchen und immer mehr Kritik. Den Münchnerinnen und Münchnern, so scheint es, ist die Fantasie abhandengekommen, ohne die kein Märchen seine Wirkung entfalten kann.

Da kommen die Schäffler gerade recht. Wer mit ihnen im Geist zurückreist – egal ob ins wahrscheinlich fiktive Jahr 1517 oder ins Jahr 1702, in dem ihr Tanz erstmals urkundlich belegt ist –, wird erkennen, dass wir verglichen mit der Mehrzahl der Menschen damals auf hohem, wenn nicht höchstem Niveau jammern. Die einfachen Arbeiter und Taglöhner, die sich in den winzigen Herbergshäusern vor den Toren der Stadt ein Bett im Drei-Schicht-Betrieb teilten, hätten heutigen Wohnstandard als verwegene Utopie angesehen. Die sprichwörtlichen Fluchtiraden der Pferdekutscher sind sicherlich nicht entstanden, weil die Fahrt immer zügig vorangegangen ist. Die Zustände in den wenigen Spitälern, zu denen einfaches Volk Zugang hatte, mag man sich gar nicht vorstellen, und die Gefahr, unter die Räuber zu fallen, war damals so groß, wie man sie heute herbeireden will. Lediglich beim Thema Hass gegen Fremde und Andersdenkende, den wir nach bitteren Jahren überwunden glaubten, scheint ein Rückfall in dunklere Zeiten nicht mehr ausgeschlossen.

Bleibt zu hoffen, dass es den Schäfflern einmal mehr gelingt, Mut und Zuversicht zu verbreiten und die Herzen zu öffnen. Zumindest so weit, dass die berühmte Verszeile „Aber heit is koid“ nur mehr die Lufttemperatur beschreibt und nicht das soziale Klima. Nicht immer nur auf Probleme zu starren, sondern zu erkennen, was gut ist, und dazu beizutragen, dass vom Reichtum der Stadt – und hier geht es nicht nur um Geld – jede und jeder ein Stück abbekommt: Das wäre doch einmal ein schöner Vorsatz für das bevorstehende Jahr.

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