MÜNCHNER FREIHEIT

Heitere Stimmung im Museum tanken

von Redaktion

Neulich habe ich wieder einmal die Glyptothek besucht. Traumhaft schön strahlte sie über den Königsplatz – obwohl die Sonne gar nicht schien. Die umfassende Sanierung, die vor ein paar Jahren abgeschlossen wurde, hat sich, schon von außen betrachtet, wirklich gelohnt, dachte ich. Gerade am Ende oder Anfang eines Jahres zieht es mich in Museen, die sich Altertümern widmen. Wie die meisten Menschen grüble ich in den Phasen, da die Kalender gewissermaßen aneinanderstoßen, über das Phänomen Zeit nach. Einerseits heißt’s: „Mei, jetzt is des Jahr a scho wieder vorbei; d Zeit rast.“ Andererseits haben ja nur wir Menschen diese zwölf Monate so eingekastelt; wir könnten die Zeit doch auch einfach dahinfließen lassen wie einen Fluss, nur ohne Quelle und Mündung.

Jedenfalls ruckeln sich solche Gedanken in Häusern wie der Staatssammlung Ägyptischer Kunst, Archäologischer Staatssammlung, Glyptothek und den Antikensammlungen zurecht, sodass ich in eine ruhige, gelassene, heitere Stimmung gerate. Die Jahrtausende sind dort präsent, zugleich vergangen und irgendwie zukünftig, denn sie haben ihre Aktualität überlebt, um zeitlos gültig zu werden und zu bleiben.

Die sanft geschwungenen Flanken der beiden Raubkatzen in der Glyptothek haben Menschen schon vor langer, langer Zeit bewundert, die Adern, die Ahnung von Muskeln unter der Oberfläche, die Zitzen. In diesen steinernen Werken ist die Zeit stillgestanden wie in der Form ihrer natürlichen, lebendigen Gegenstücke. Schließlich sind 2000, 3000 Jahre für die Evolution, hier beim Körperbau eines Tiers, nichts.

Trotzdem bleibt mir die Vergänglichkeit bewusst, denn der Stein spricht durch seine Spuren davon. Brüche, Kratzer, Schrammen, Fehlstellen erzählen von den Abenteuern, die diese Altertümer erlebt haben, bevor sie in der Glyptothek landeten und gehegt und gepflegt werden. Verstärkt wird der Eindruck der „Vanitas“ nun zusätzlich durch die Schwarz-Weiß-Fotografien von Richard Berndt, die sich bis zum 8. Februar neben den Skulpturen zu behaupten wissen. Der pensionierte Münchner Lehrer, der als Autodidakt mit seinen Aufnahmen gern neue Wege geht, zeigt in „Griechische Tempel“ nie die erhaltenen Gebäude als Ganzes, sondern deren Inbegriff: die Säulen.

Raffiniert verfremdet durch eigenartiges Licht, durch besondere Perspektiven und Ausschnitte werden sie in Szene gesetzt. Seltsame Körper begegnen mir, schön und vom Alter gnadenlos gezeichnet. Selbst wir Götter-Häuser werden nicht von Dauer sein, sagen sie. Durch die Fotografie und meinen Blick korrespondieren sie mit der Natur: Die Säulen werden zu schrundigen Baumstämmen wie der Marmor zur Großkatze. Froh, gestärkt und nachdenklich verlasse ich den Kunst-Tempel – bis zum nächsten Mal.

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