Mein Sohn hat als Lektüre in der Schule aktuell Sherlock Holmes, womit zweierlei klar wäre: Wir werden künftig endlich als Familie Filme ansehen können, außerhalb von Friede, Freude, Eierkuchen, weil ihn Mord und Totschlag im nebligen London abgehärtet haben. Und: Seit er Sherlock Holmes in die Familie getragen hat, finden wir alles in unserer Umwelt mysteriös und verdächtig.
Leider ist das Leben in der Münchner Vorstadt 2026 weit weniger dramatisch als im London des Jahres 1889 – weder in der Familie noch in der Nachbarschaft passieren täglich Morde, aber es passiert auch nicht nichts: Man muss Augen und Ohren offen halten und schon wird man aufmerksam für Fragen, die zwar dem echten Sherlock Holmes vollkommen egal wären, die aber für den einfachen Vorstadtdetektiv völlig ausreichen. Das fängt an mit der verschwindend geringen Anzahl von Himbeerstücken im als „Himbeermüsli“ gekauften Müsli und führt über die Suche nach dem zweiten Socken direkt zum brandaktuellen Thema Schneeräumen: Wenn der Gehsteig vor einem Haus nicht geräumt ist, was kann der Grund sein?Liegen die Bewohner faul auf der Couch oder ist er etwa doch ermordet worden?
So vorbelastet stand ich am Wochenende vor dem Haus meines Nachbarn und nahm sherlockesk sogleich Witterung auf: Gehweg? Ungeräumt. Fenster im Obergeschoss: Geöffnet. Und mein Nachbar? Hatte der nicht kürzlich sorgenvoll gewirkt? Was waren das für Pakete, die er vor Weihnachten angenommen hatte? Immer mehr Sherlock-Denken ergriff von mir Besitz. Der Vorhang flatterte im Wind, ganz klar, der Mörder hatte das Fenster also nicht geschlossen, er musste sich sehr sicher fühlen. Und keine Spuren vor der Haustür, natürlich, der Mörder ist noch im Haus! Schon wollte ich Scotland Yard telegraphieren, da ging die Haustür auf, mein Nachbar trat heraus: Schlafanzug, Unterhemd, vier leere Pizzakartons. „Guten Morgen“, rief er fröhlich. Ich erwiderte stumm seinen Gruß, schlug den Mantelkragen hoch und zog an meiner Pfeife.
Doch nicht nur mich hat das Sherlock-Fieber gepackt, auch meine Familie zieht ihre Schlüsse, leider nur aus meinem Verhalten. Und wo Sherlock zu seiner Zeit nur ermittelte, verurteilen sie heute gnadenlos: „Der Papa ist schlecht gelaunt“, musste ich mir den halben Samstag anhören, ohne dass mildernde Umstände in Betracht gezogen wurden. Wer hatte gerade den halben Morgen damit verbracht, Skibindungen richtig einzustellen? Wer hatte das ganze Zeug anschließend ins Auto geladen?
Und außerdem, ganz wichtig für künftige Ermittlungen und etwaige Vorverurteilungen: Ich hatte zu wenig gegessen. Nehmt mich nie ernst, legt kein Wort auf die Goldwaage, wenn ich Hunger habe. Und seit dem Skiwochenende im Allgäu gilt auch: Lasst mich nie wieder eine „Allgäuer Käsesuppe“ essen, außer mein Körper kann danach 72 Stunden schlafen.
Mein Sherlock-Blick auf die Welt wird mir noch viel Arbeit machen: Lieh sich nicht der Nachbar kürzlich erst meine große Heckenschere und dann meine Säge? Was hat er damit Schreckliches gemacht? Warum landen alle Vögel bei ihm, obwohl ich das feinste Vogelfutter habe? Und schließlich auch vor dem nächsten Urlaub: Wie schrecke ich Einbrecher ab? Reicht noch meine geniale Idee, das alte Bobbycar vor die Tür zu stellen, das so erfolgreich die Botschaft ausstrahlt: „Hier saß vor fünf Minuten noch ein Kleinkind drauf, wir sind nicht im Urlaub!“ Ganz klar: Ich werde über Wachspuppen nachdenken müssen, wie in „Sherlock – Das leere Haus“. Und schließlich: Wer ist mein Dr. Watson bei den Ermittlungen im Alltag der Vorstadt? Wir fangen klein an. Gleich heute Morgen, bei einem Himbeermüsli ohne Himbeeren.