Friedrich Lüers war begeisterter Hobbyfotograf.
Die Eisskulptur zog viele Schaulustige an.
Zeugnis der 1920er-Jahre: „Zum Andenken für unsere gefallenen Helden“, hieß es auf einem Schild. © Fotos: Lüers
Zu sehen ist eine Menschenmenge, die vor einem Denkmal steht. Aber was ist das für ein Denkmal? Ein Soldat mit Pickelhaube – ganz aus Eis. „Zum Andenken für unsere gefallenen Helden“, heißt es auf einer Tafel. Links und rechts ist ein Löwe zu sehen, ebenfalls aus Eis.
Die Skulptur erzählt von vergangenen Zeiten, von der Trauer um die Toten des Ersten Weltkriegs. Wohl in jeder Münchner Familie gab es Opfer des Krieges, in den 1920er-Jahren schossen die Kriegerdenkmäler auch in München fast wie Pilze aus dem Boden. Hier aber war es ein vergängliches Denkmal, etwas ganz Besonderes.
Gemacht hat die Fotos der Lehrer Friedrich Lüers (1892–1963), ein begeisterter Amateurfotograf. Auch zur Münchner Revolution gibt es von ihm Fotos. Zugleich war er neugierig und immer dicht am Zeitgeschehen dran. Am 8. November 1923 besuchte er den Bürgerbräukeller – als dort der Hitlerputsch ausbrach. Wie viele andere blieb er wahrscheinlich staunend stehen, als er vermutlich zufällig die Eisskulptur des bis heute unbekannten Künstlers entdeckte. Ist es der Mann, der innerhalb der Umrandung steht mit dem Rücken zum Betrachter und offenbar mit einem anderen Mann spricht? Wir wissen es nicht, werden es wohl nie erfahren.
Lüers Sohn Arnulf aus Kolbermoor hat die Fotos kürzlich wiederentdeckt und unserer Zeitung zur Verfügung gestellt – und er hatte noch mehr Fragen: Wann und wo genau könnten sie aufgenommen worden sein? Einen ersten Hinweis gibt die Beschriftung eines Hauses im Hintergrund. Oberhalb der Konditorei ist zu lesen „Braun & S….“. Ein Blick ins Münchner Adressbuch von 1914 ergibt, dass es damals eine Verlagsbuchhandlung Braun & Schneider am Maximiliansplatz 11 gab. Der Maximiliansplatz mit seiner Parkanlage könnte passen – denn die Skulptur stand ja auf einem Platz mit vielen Bäumen ringsum.
Der Münchner Stadthistoriker Wolfgang Burgmair kommt zum selben Ergebnis: Er konnte eine im Zweiten Weltkrieg zerstörte Hausfassade identifizieren – später baute dort die Reuschel-Bank ihre Zentrale. Es sei klar, dass die Skulptur auf der Nordseite des Maximiliansplatzes, östlich abgerückt vom Schiller-Denkmal, gestanden haben müsse.
Auch Lüers‘ Sohn bestätigt: „Die Stelle lag auf dem Heimweg meines Vaters von der Akademie der Wissenschaften, wo er in der Wörterbuchkanzlei beschäftigt war, durch die Brienner Straße zum Stiglmaierplatz, wo die Familie von ca. 1890 bis ca. 1929 in der Nymphenburger Str. 1/II wohnte.“
Ganz in der Nähe ist heute der Platz der Opfer des Nationalsozialismus. Auch die Zeit kann eingegrenzt werden: 1928/29 war in Bayern und ganz Mitteleuropa ein sogenannter Jahrhundertwinter, ganze Seen froren zu. Zugleich war der Weltkrieg zehn Jahre zu Ende – zu der Zeit könnte die Eisskulptur entstanden sein.DIRK WALTER