Spätestens im Dezember taucht immer die große Frage auf, zu der sogar Wetten abgeschlossen werden: Gibt es in München dieses Jahr weiße Weihnachten? Dann folgt meist die große Enttäuschung. So oder so – nach Weihnachten ist das Thema vom Gefühl her vorbei. Es regiert der Trotz: Wenn ich es an Weihnachten nicht bekomme, will ich es gar nicht mehr! Vorbei, basta!
Plötzlich hat’s dann aber doch geschneit. Die Reaktionen vergangene Woche waren grandios. Alle starrten fassungslos aus dem Fenster. Eine Fata Morgana! Man stelle sich das aber auch mal vor: Es schneit in München – und das Anfang Januar! Also ich persönlich brauche ja keinen Schnee in der Stadt. Matsch, Eisplatten, Winterreifenwechsel – alles nicht mein Ding. Gerne auf dem Land und in den Bergen, aber nicht in der Großstadt. Vielleicht noch in den Parks, Grünanlagen und im Wald, dann reicht’s aber auch. Strichweise Schnee sozusagen. Das fände ich ideal. Aber nicht wie bei diesen Regenvorhersagen, bei denen man nie weiß, wo dieser Strich sein wird, auf dem es nass werden soll. Sondern ganz präzise an vorbestimmten Standorten.
Der Schnee bringt nämlich nicht nur schiefe Schneemänner und weiße Rodelhügel mit, er hat auch eine lästige Winter-Grundregel im Gepäck: Die Bürgersteige müssen frei sein, es muss geräumt werden! Die Motivation, Schnee durch die Gegend zu schieben, ist bei den Menschen individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Vergangene Woche war das vor allem in den Gartenstadtvierteln schön zu beobachten. Da gab es die einen, die ihre Pflicht zur Beseitigung der weißen Pracht per Muskelkraft erledigten. Einer meiner Nachbarn setzte sogar noch einen drauf: Nach dem groben Räumen wurde auch noch gefegt! Damit auch das letzte Schneestäubchen vor der Haustür verschwindet.
Die anderen arbeiteten lieber smart statt hart und erinnerten sich an die Schneefräse im Schuppen, die sie vor 20 Jahren mal angeschafft hatten. In manchen Straßen hatten wir auf der einen Seite Fitnessstudio und auf der anderen Seite Großglockner-Gefühl. Dazwischen gibt’s meist noch ein paar Eigentümer, die die Räumpflicht einfach ignorieren. Bei Beschwerden kommt oft die Aussage: Einfach angemessen kleiden, dann klappt’s auch mit Schnee und Eis auf dem Bürgersteig.
Bei den beiden Räum-Fraktionen ist man sich auf jeden Fall sicher, dass der Schnee runter muss vom eigenen Grundstück. Nach dem Motto: Habe ich nicht bestellt, gehört nicht mir, gebe ich gerne an die restliche Welt ab. Nicht dass im Frühjahr beim Nachbarn schon die Primeln blühen, während bei mir noch dieser dreckige Firn im Beet liegt. Also raus auf die Straße damit!
Zufrieden wurde die derart freigeräumte Einfahrt betrachtet – bis sich der Feind aller privaten Schneeräumer näherte: der städtische Winterdienst! Der wird doch jetzt nicht… Oh doch! Er räumte routiniert den Schneeberg auf der Straße einfach in die nächste Lücke – in Ermangelung von Freiraum gerne vor die Einfahrt des nächsten Grundstücks. Wie ein Domino-Effekt zog sich das durch die gesamte Straße. Nun stand die gesamte Nachbarschaft kopfschüttelnd vor den Häusern und schimpfte. Schneeräumen verbindet! Für solche Erlebnisse liebe sogar ich den Schnee in der Stadt. Eigentlich schade, dass schon fast nichts mehr da ist.
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