Noah schnappte bei den Müslischalen zu.
Marianne Klima hat ein Weinglas ergattert.
Die Schlange vor dem Rathaus reichte gestern einmal quer über den Marienplatz. © Cornelia Schramm, Markus Götzfried (2)
Dienstag, kurz vor zehn Uhr. Etliche Leute stehen vor dem Eingang des Ratskellers am Marienplatz. Manche Passanten schauen die Wartenden verwundert an – schließlich schloss das Restaurant in der Silvesternacht für immer seine Türen. Aber gestern hat Wirt Peter Wieser sie wieder geöffnet, denn er veranstaltet mit seinem Team einen Flohmarkt. Noch bis diesen Freitag, immer von 10 bis 14 Uhr, haben die Münchnerinnen und Münchner Zeit, sich ein letztes Andenken mitzunehmen.
Auch Marianne Klima (77) wartet dick eingepackt um kurz nach 10 Uhr in der Kälte, die Schlange vor ihr ist da vielleicht 30 Meter lang. Es werden immer nur Grüppchen von rund 15 Leuten ins Lokal gelassen, damit es nicht zu voll wird. „Ich habe mit Freundinnen gern im Ratskeller Wein getrunken und der Seniorenbeirats-Stammtisch hat auch immer dort stattgefunden.“ Sie verbindet viele schöne Erinnerungen mit dem Ratskeller. „Der Hausschoppen für 6,50 Euro war immer fein und gut eingeschenkt – wo kriegt man so was noch?“ Sie will an diesem Tag ein Weinglas ergattern.
Insgesamt reicht die Warteschlange einmal quer über den Marienplatz bis zum Hugendubel gegenüber. Alle wollen was vom Ratskeller kaufen! Dann kommt eine Freundin von Marianne Klima aus dem Restaurant, über ihrer Schulter eine Tragetasche. „Ich hab dir zwei Glasl mitgebracht!“ Jedes zeigt das Ratskeller-Logo und kostet drei Euro. Für Marianne Klima sind sie viel mehr wert.
Wie berichtet, führte Wirt Peter Wieser den Ratskeller 50 Jahre lang mit seinem Schwager und Wiesn-Wirt Toni sowie der Familie. Ende 2025 lief der Pachtvertrag aus und für einen Weiterbetrieb müsste massiv investiert werden. Laut Wieser und Winklhofer müssten sie 1,5 Millionen Euro reinstecken – Geld, das sie bis zur Rathaus-Sanierung, die 2032 starten soll, erwirtschaftet haben müssten. Das halten sie für unrealistisch.
Zurück zum Flohmarkt. Peter Rauscher (63) aus Dachau darf als einer der Ersten stöbern. „Ich hab früher in München gewohnt, war hier auch Faschingsprinz mal und suche einen Augustiner-Masskrug für meinen Sohn.“ Die Rauschers waren öfter beim Sonntags-Brunch hier. Das wird Peter nie vergessen. Und er sichert sich für 20 Euro tatsächlich einen Augustiner-Steinkrug.
Beim Flohmarkt ist nur Kartenzahlung möglich. „Wir verkaufen hier sicher mehrere tausend Inventar-Artikel“, erzählt Wirt Peter Wieser. Die Lager sind leer. Es gibt Snackschalen für 50 Cent das Stück, Blumentöpfe für einen Euro, Weißbiergläser für zwei Euro, chilenischen Rotwein für 92 Euro die Flasche oder auch Gemälde wie das eines Mönchs mit Weinglas (180 Euro).
Der Neu-Münchner Noah Fröber (21) deckt sich am Dienstag mit Müslischalen ein. Und Martin Glaser (36) und Niklas Klinger (38) verlassen den Ratskeller am späten Vormittag mit stapelweise Kartons. Darin enthalten: vor allem Weißbiergläser. Sie freuen sich über ihre Ausbeute – und dass sie unverletzt sind. „Da gab‘s ein paar Handgreiflichkeiten in der Schlange vorhin“, erzählt Niklas. Der Kampf um die Kellerschätze läuft.REGINA MITTERMEIER