Meine Kindheit durfte ich als Einzelkind in vollen Zügen genießen. Ich musste nicht teilen, ich konnte aber, wenn ich wollte. Spielzeug war meines ganz allein. Kleidung bekam ich nicht abgetragen von einem Geschwisterkind und meine wurde auch nicht an eines weitergegeben. Ich habe maximal getauscht oder geliehen.
Manchmal habe ich trotzdem die Kinder beneidet, die Geschwister hatten. Da musste man sich gar nicht erst zum Spielen verabreden, die waren ja immer da. Das war vielleicht eine romantische Vorstellung, weil ich es nicht besser wusste. Das ist mir übrigens bis heute geblieben, dieses Nicht-Gerne-Teilen.Das gebe ich offen und ehrlich zu. Wenn jetzt jemand in Not wäre, kurz vor dem Verhungern oder Erfrieren, dann wäre ich die Letzte, die nicht etwas abgeben würde, aber so im Normalfall nicht wirklich. Wenn wir zum Essen gehen und jemand hat die Idee, möglichst unterschiedliche Dinge zu bestellen, sodass wir alle teilen könnten, dann bin ich raus. Nix da. Mein Essen ist mein Essen. Für mich ganz allein. Mittlerweile gibt es auch in München ein paar Lokale, dessen Geschäftsmodell „Sharing on the table“ ist. Dort wäre ich der große Spielverderber. Niemand nimmt mir die „Beute“ weg, die ich mir ausgesucht habe und die mein Hypothalamus schon im Visier hat und auf Hunger und Sättigung eingestellt ist. Also gehe ich so wo erst gar nicht hin.
Ans Essen denke ich eben als Erstes, wenn es ums Teilen geht. Teilen tu ich in dieser Beziehung vielleicht noch den Rechnungsbetrag, damit die Bedienung nicht alles extra ausrechnen muss. Das überschlage ich schnell im Kopf, da bin ich immer auf der sicheren Seite. Da geht es dann um das andere, das mathematische Teilen, also das Dividieren. Das hingegen habe ich immer gemocht und gerne getan. Schon in der Grundschule. Da hatten wir richtige Wettbewerbe in Multiplikation und Division.
Und schon wieder bin ich froh, dass ich in Bayern lebe und unsere Schulkinder das immer noch lernen dürfen (müssen). Nach Bremen und Berlin hat jetzt auch Niedersachsen diese Rechenoperation für Schulkinder gestrichen, weil es zu schwer ist. Wie, zu schwer? Klar ist es einfacher, es nicht mehr selbst zu lernen, geschweige denn im eigenen Hirnkastl etwas zu berechnen, weil ich ja alles in ein Handy tippen kann. Weil es eine KI gibt, die für mich denkt, mir alles erklärt und ausrechnet. Aber dann muss ich mich ja immer auf diese Intelligenz von jemand anders verlassen. Das möchte ich auf keinen Fall. Es ist doch gut, wenn man selbst noch die Kontrolle hat und ein bisschen ein Gespür für Zahlen. Was ist denn, wenn man mal sein Handy verliert? Das Gefühl, von diesem Gerät unabhängig zu sein, das sollte man auch nicht teilen, sondern ganz für sich selbst genießen können.
Übrigens ist meine Tochter auch ein Einzelkind und muss somit nicht teilen. Sie hat heute Geburtstag, und der Geburtstagskuchen gehört ihr ganz allein. Aber sie wüsste wenigstens, in wie viele Stücke sie ihn teilen könnte, wenn sie das wollte.