Die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher schlägt Alarm. Bei mehreren Kulturveranstaltungen in München würde „Israel-Bashing im Mittelpunkt stehen“ und „rote Linien der Kunstfreiheit überschritten“. Ein Beispiel: Die Installation des in München gegründeten Künstlerinnenkollektivs Chicks on Speed in der Villa Stuck (Foto re.). Dort sei „ein großes Stück Wassermelone“ zu sehen, „die eindeutig Hamas-Terror-Verherrlichung symbolisiert“. © Astrid Schmidhuber, privat
2019 wurde ein Konzert des Rappers Kollegah in München nach Antisemitismus-Vorwürfen von der Stadt verhindert. Jetzt will der unter seinem bürgerlichen Namen Felix Blume Ende März im Zenith auftreten. © Jonas Güttler/dpa
Versagt Münchens Kultur im Kampf gegen Antisemitismus? Israels Generalkonsulin Talya Lador-Fresher geht Institutionen wie die Villa Stuck, die Kammerspiele und den Betreiber der Kulturhalle Zenith hart an. Sie wirft ihnen vor, Antisemitismus und Israel-Hass eine Bühne zu bieten.
„Ich bin enttäuscht und frustriert, dass in kurzen Abständen in München drei verschiedene antisemitische und antiisraelische Veranstaltungen stattfinden, bei denen Israel-Bashing im Mittelpunkt steht und alle roten Linien der Kunstfreiheit überschritten werden“, sagt Lador-Fresher gegenüber unserer Zeitung. Die Institutionen sollen „zur Besinnung kommen“.
Was sie meint: das geplante Konzert des Rappers Felix Blume (alias „Kollegah“) am 28. März im Zenith, die Podiumsdiskussion „A Fellow Soldier’s Testimony“ am 16. Januar. Und die Ausstellung „Utopia“ in der Villa Stuck (seit 18. Oktober 2025 bis 1. März 2026).
Die Schau Utopia wird vom Künstler-Kollektiv „Chicks On Speed“ organisiert – einer Gruppe, die Israel im Gaza-Krieg öffentlich „Genozid“ vorwirft. Lador-Fresher stört sich hauptsächlich an einer Installation, bei der eine dreieckförmig angeschnittene Wassermelone zu sehen ist. Für Lador-Fresher ein Skandal – gerade in einem Museum der Stadt München: „Wenn Teil eines ,Kunstwerks‘ ein großes Stück Wassermelone ist, die eindeutig Hamas-Terror-Verherrlichung symbolisiert, kann ich nicht verstehen, wie dies von der Kunstfreiheit gedeckt sein kann“, sagt die Generalkonsulin. „Die Hamas ist eine Terrororganisation, die auch von der Bundesrepublik Deutschland als solche eingestuft wurde.“
Die Ausstellung besorgt auch Bayerns Antisemitismusbeauftragten Ludwig Spaenle (CSU): Er müsse sich Utopia zwar noch ansehen, sagt Spaenle auf Anfrage. „Aber die Zutaten zu dieser Ausstellung klingen besorgniserregend.“
Der Kulturreferent der Stadt München, Marek Wiechers, sagt auf Anfrage: „Die Kunst- und Meinungsfreiheit sind hohe Güter unserer Verfassung, die auch Kontroversen schützen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich einzelne Einlassungen persönlich gutheiße oder unterstütze.“ Das Kollektiv habe sich „eindeutig von jedweder Nähe zur oder Unterstützung der Hamas distanziert“, ergänzt seine Sprecherin. Und betont: „Wir nehmen antisemitische, rassistische und jegliche diskriminierenden Vorwürfe stets ernst und prüfen hierzu jeden Hinweis.“
Auch bei der Podiumsdiskussion „A Fellow Soldier‘s Testimony“ in den städtischen Kammerspielen ist Ludwig Spaenle mit Talya Lador-Fresher einer Meinung. „Diese Veranstaltung und ihr Teilnehmerfeld ist äußerst einseitig. Ich habe mich gegenüber dem Kulturreferenten der Stadt München dagegen verwahrt.“ Die Veranstaltung sei daraufhin von Dezember auf den 16. Januar verschoben worden, sagt Spaenle. „Wir hatten gehofft, dass sie ganz abgesagt wird.“
Bei der Veranstaltung diskutierten Journalisten und Experten für internationales Recht über eine Recherche zu einem israelischen Soldaten aus München, der gemeinsam mit einem Kameraden in Gaza mehrfach gezielt Unbewaffnete erschossen haben soll. Spaenle: „Im Nachgang zu dieser Recherche über den jungen Mann wurden in Zeitungen der Name und der Wohnort der in München lebenden Familie veröffentlicht, sie wurde in Sippenhaft genommen. Da ist es für mich aus. Das ist Judenverfolgung.“ Durch das Gastspiel in den Kammerspielen werde all das „wieder in die Öffentlichkeit gezerrt“.
Die Sprecherin der Kammerspiele betont, man nehme die „geäußerte Kritik zu jedem Zeitpunkt sehr ernst“ und habe die Verschiebung „genutzt, um Format, Fragestellung und Podiumsbesetzung nachzuschärfen“. Die Sprecherin: „Eine zentral geäußerte Sorge war, dass die ursprüngliche Konzeption Raum für Personalisierungen, Dämonisierungen oder antisemitische Deutungen eröffnen könnte. Dem wollten wir ausdrücklich entgegenwirken, denn das war niemals unsere Intention.“ Durch die Einbindung ausgewiesener journalistischer und völkerrechtlicher Expertinnen sowie eine klare Moderation „wurde eine kritische, aber nicht einseitige Diskussion ermöglicht“.
Bleibt das Konzert von Kollegah, der jetzt unter seinem bürgerlichen Namen Felix Blume auftritt – ein Rapper, der schon öfter mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, antisemitische Inhalte zu verbreiten. 2019 hatte die Stadt sein Konzert im Backstage verhindert. Talya Lador-Fresher wünscht sich auch 2026 eine Absage – und bekommt auch da Unterstützung aus der Politik: Blumes Texte seien „durchzogen von Antizionismus, Verschwörungsideologie – das alles nun auch angereichert mit deutschem Nationalismus“, sagt Mona Fuchs, Fraktionschefin der Grünen im Stadtrat. „Ich finde es wirklich schlimm, dass ihm nun eine so große Bühne hier in München geboten wird.“ Sie fordert eine Absage: „Private Veranstalter haben hier durchaus eine Verantwortung.“ Das sieht auch Ludwig Spaenle so. Blume sei „äußerst kritisch zu betrachten“, so Spaenle. „Uns bleibt da nur der Appell an die Veranstalter, das Konzert abzusagen.“
Der Betreiber Motorworld teilt mit, man trete bei diesem Konzert „ausschließlich als Betreiberin und Vermieterin des Veranstaltungsortes“, nicht als Veranstalter in Erscheinung. „Die inhaltliche Gestaltung des Programms sowie die künstlerischen Darbietungen liegen in der Verantwortung des jeweiligen Veranstalters und der auftretenden Künstler. Wir halten unsere Veranstalter dazu an, rassistisches, diskriminierendes oder antisemitisches Verhalten zu unterlassen und ein respektvolles, diskriminierungsfreies Miteinander zu fördern“, so eine Sprecherin.
Das Management von Felix Blume betonte, dass man sich „ausdrücklich und uneingeschränkt von jeder Form von Antisemitismus, Diskriminierung oder Menschenfeindlichkeit“ distanziere. „Das Konzert ist weder politisch noch ideologisch ausgerichtet. Es liegen nach unserem Kenntnisstand keine belastbaren Hinweise auf strafbare Inhalte oder antisemitische Aussagen vor.“THOMAS GAUTIER