So viel Richtungswechsel wie in dieser Woche war wohl noch nie. Dabei blieb viel Glaubwürdigkeit und Autorität auf der Strecke. Eigentlich ist es ja durchaus ehrenhaft und oft sachlich geboten, in einer Zeitenwende dazuzulernen, wie Willy Brandt formuliert hätte: „auf der Höhe der Zeit zu bleiben“. Deshalb muss man zum Beispiel die Grünen, die jahrelang hier in München mit „Frieden-schaffen-ohne-Waffen!“-Transparenten gegen die Sicherheitskonferenz demonstriert haben, nicht als „NATO-Olivgrüne“ verspotten, weil sie seit Putins Überfall auf die Ukraine anders über Waffen, deren Export und die NATO denken als vorher. Andere Parteien denken jetzt auch anders über die Wehrpflicht, die sie vor einigen Jahren voller Stolz ausgesetzt haben.
Aber Kehrtwenden sollten schon nachvollziehbar sein. Das sind sie nicht, wenn entgegengesetzte Richtungen an ein und demselben Tag eingeschlagen werden. Womit wir bei Donald Trump wären. Er hat erst die größte Insel des Erdballs als 51. Staat der USA gefordert und ihretwegen mit aberwitzigen Zöllen gedroht, um am Abend zu verkünden, dass es da nur „um ein Stück Eis“ gehe und die Zölle vom Tisch seien. Immerhin ein Lernprozess. Eine andere Kehrtwende beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos war hingegen wirklich erschreckend: die des Publikums. Da saßen die höchsten Wirtschaftskapitäne Europas und der Welt beisammen, und was machten sie? Sie sprangen auf, um dem Gast mit stehenden Ovationen zu huldigen. Galt dies den höchsten Zöllen der Geschichte? Dem Satz, er brauche kein Völkerrecht, weil er selbst wisse, was er tun könne? Oder nur der höhnischen Verachtung europäischer Werte, Kultur und Regeln? Wir sollten unsere respektvolle Haltung zu diesen unterwürfigen Superreichen schnellstens ändern, mit europäischem Selbstbewusstsein!
Apropos Europa. Da wurden die schon im letzten Jahrhundert (!) begonnenen Verhandlungen zum größten Freihandelsabkommen der Welt „Mercosur“ zwischen EU und Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay endlich abgeschlossen. Auftrieb für Europa! Stärkung seiner Wirtschaftskraft! Reduzierung der ökonomischen Abhängigkeit von den USA. Und wer wirft Sand ins Getriebe? Der rechte und der linke Rand des Europäischen Parlaments. Mit den Stimmen der Grünen! Vereint mit der AfD! Neuester Richtungswechsel: ein grünes Bündnis mit der AfD – nicht in einer ostdeutschen Kommune, sondern in einer über 26 Jahre lang verhandelten Frage. Und die „Linken“ stimmten auch mit der AfD – weil sie besser als die betroffenen Länder in Südamerika wissen, was Kolonialismus ist und wie man sich dagegen wehrt.
Nein, ich meckere hier nicht nur. Ich denke, dass EU-Präsidentin Ursula von der Leyen stolz sein kann auf den Vertragsabschluss, der genau zum richtigen Zeitpunkt globale Bedeutung entfalten kann, wenn die EU sich nicht auf dem Rechtsweg lahmlegen lässt, sondern sich zur von EVP-Chef Manfred Weber vorgeschlagenen „vorläufigen Anwendung“ entschließt. Und ich finde, dass Karl-Theodor zu Guttenberg das beste Fernsehinterview zu Trumps Grönland-Entgleisungen gegeben hat. Und ich meine, dass die SPD ihre beiden Vorsitzenden (!) unterstützen sollte, anstatt ihnen ein bayerisches Mitgliederbegehren zwischen die Beine zu werfen.