Thomas Goger, Leitender Oberstaatsanwalt.
Im 33. Stockwerk eines schicken Hochhauses in Tiflis (Foto li.) wurde professioneller Anlagebetrug betrieben. Die Beute der Täter ist rechts zu sehen: Teure Uhren und Bargeld. © Zentralstelle für Cybercrime (2), Polizei, Sigi Jantz
Gesucht: Anlagebetrüger „Millionen-Mike“.
Moderne Hightech-Arbeitsplätze mit einem atemberaubenden Blick über Georgiens Hauptstadt Tiflis: Wer meint, dass Callcenter für Online-Abzocke nur in dunklen Hinterhöfen zu finden sind, der täuscht sich. Im 33. Stockwerk eines schicken Hochhauses wurde professioneller Anlagebetrug betrieben. Als die örtliche Polizei und die Ermittler der Zentralstelle für Cybercrime Bayern (ZCB) vor der Tür standen, war das Callcenter noch in Betrieb. Nun sind zwei der Etagen von den Behörden gesichert worden. „Als Vermögenswert, um ihn zu Geld zu machen“, sagte der stellvertretende ZCB-Leiter Thomas Goger beim True-Crime-Abend unserer Zeitung. Auf diese Weise sollen Opfer ihr Geld zurückbekommen.
550 Millionen Euro haben Kriminelle seit 2018 mit falschen Rendite-Versprechen allein in Bayern einkassiert. Dieser Summe stehen 25 Millionen gegenüber, die Goger und seine 30 ermittelnden Staatsanwälte bislang sichern konnten. „25 Millionen – darauf sind wir schon stolz“, sagt der Oberstaatsanwalt. Wobei das nur ein kleiner Teil sei angesichts des immensen Gesamtschadens. Und angesichts einer wohl weitaus höheren Dunkelziffer, die im Raum steht.
Dennoch: Die Ermittler beschlagnahmen bei ihren Durchsuchungen, was geht. Sie stoßen auf teure Uhren, Geldzählmaschinen und meterhohe Stapel von gebündelten Scheinen, in einer Garage standen ein Bentley und ein Lamborghini. Beide Luxusschlitten hat Goger nach Bayern gebracht und für die Opfer der Cyber-Kriminellen verkauft. In Europa sitzen die Täter oft im Osten des Kontinents. Am Freitag meldete die ZCB einen Schlag gegen eine Gruppe, die ihren Sitz Pristina im Kosovo hatte. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Gruppe weltweit 21 Millionen Euro abgezockt hat, während die hiesige Beutesumme mindestens 4,5 Millionen Euro ausmacht. Der Kopf des Netzwerks wurde 2023 in Costa Rica festgenommen und nach Bayern ausgeliefert. Im Februar beginnt der Prozess gegen den 42-Jährigen mit israelisch-portugiesischer Staatsangehörigkeit.
Cybercrime ist aber nicht nur Abzocke mit Anlagen. Beim Love Scam geht es um Liebesbetrug, der sich auf Social-Media-Kanälen abspielt. Dazu sitzen ganze Horden von Kriminellen an Computern – hauptsächlich in Afrika. Milliarden von E-Mails, SMS, Whatsapp-Nachrichten und programmierten Anrufen fluten die Welt auch von Südostasien aus, wo es regelrechte Scam-Fabriken gibt. Hunderttausende werden selbst mit falschen Versprechungen in die Betrugszentren in Myanmar oder Kambodscha gelockt und als Arbeitssklaven eingesperrt. Bewaffnete Kräfte sorgen dann dafür, dass der Betrug nie aufhört. Die Global-Scam-Alliance schätzte den weltweiten Schaden 2024 auf eine Billion Euro. N. HOFFMANN, A. THIEME