Hendrik Haupt steht oft in der Geyerwally hinter der Theke. Außerdem arbeitet er noch als Texter. Die Idee zu dem Bildband stammt von ihm. © Markus Götzfried
Ist die Münchner Boazn-Kultur reif fürs Museum? Zumindest ein kunstvolles Fotobuch soll ihr nun gewidmet werden. Genauer gesagt geht es um einen Bildband über all die kleinen Trödeleien und Kuriositäten der traditionsreichen Geyerwally (Isarvorstadt), die sich dort über Jahrzehnte hinweg als Dekoration angesammelt haben. „Boazn-Artefakte“ soll das Fotobuch heißen – eine Liebeserklärung an Münchens Kneipenkultur. Das Projekt wird von der Stadt München gefördert, sucht aber (unter startnext.com) weiterhin nach zusätzlichen finanziellen Unterstützern. Die Idee zu dem Buch hatte Hendrik Haupt (31), der selbst hinter dem Tresen der Geyerwally steht und hauptberuflich als Texter arbeitet.
Herr Haupt, was ist denn eigentlich persönlich Ihr liebster Gegenstand aus der Geyerwally?
Ich mag den Fuß (lacht). Also eigentlich ist es ein Plastikbein (wie von einer Schaufensterpuppe, Anm. d. Red.), über den früher Strümpfe gestülpt wurden. In der Kneipe entwickelt er sich ständig weiter.
Wie muss ich mir das vorstellen?
Ja, es steckt mal wer einen Handschuh darauf, einen Schlappen oder setzt ihm einen Hut auf. Das zeigt, dass diese ganze Deko lebt, weil immer wieder was Neues dazukommt.
Jetzt soll solchen Objekten aus der Kneipe ein ganzes Buch gewidmet werden. Was ist die Idee dahinter?
Gedacht war es eigentlich als Ode an die Geyerwally. Und dann ist uns aufgefallen, wie viel Geschichte in diesen Objekten steckt. Es lässt sich darüber wahnsinnig viel erzählen: über Boazn-Kultur, Traditionen und München insgesamt. Es sind Sachen, die sich über viele Jahrzehnte angesammelt haben, die die Kneipe mit Leben füllen. Das unterscheidet uns von modernen Läden, die auf minimalistische Einrichtung setzen. Die Geschichten hinter den Dingen wollen wir in dem Buch auch erzählen.
Zum Beispiel?
Ich finde den Elvis Presley (eine überlebensgroße, flache Holzfigur an der Wand, die einen ergrauten King of Rock’n’Roll mit Brille zeigt, Anm. d. Red) ziemlich gut. Das erzählt wunderbar die Geschichte des Vorbesitzers der Geyerwally (Rainer Maria Strixner), der ja eine schillernde Münchner Figur ist. Er trat jahrelang als Elvis auf – daran erinnert das Bild, das er kreiert und hinterlassen hat.
Er war also Elivs-Imitator?
Genau. Es gab ein berühmtes Stück mit ihm, bei dem er als Elvis verkleidet aus einer Kühlbox sprang. Es heißt, dass er sich zum 40. Bühnenjubiläum zu alt gefühlt hat, um noch einmal aus der Truhe herauszuhüpfen – trotzdem mimte er weiter den Elvis. Er ist einfach ein Unikat, daran erinnert das Kunstwerk in der Kneipe. Das alles lässt sich anhand der Gegenstände erzählen. Gleichzeitig sind die Objekte an sich wunderbare Gesprächsöffner.
Was meinen Sie damit?
Man kann einfach am Tresen einen anderen Gast fragen: „Hast du das schon gesehen? Was denkst du, woher kommt das?“ Dann ist die erste Barriere gebrochen. Und das führt dazu, dass man ins Gespräch kommt und etwas über andere erfährt. Und darum geht’s ja auch in der Kneipe.
Das Buch soll Boazn-Artefakte heißen. Klingt ein bisschen nach Archäologie. Ist der Bildband auch der Versuch, eine vom Aussterben bedrohte Kultur, die Münchner Boazn-Kultur, zu konservieren?
Definitiv. Es ist ja eine deutschlandweite Entwicklung, dass solche Läden weniger werden. Denn oft sind sie nicht mit großem Reichtum gesegnet, noch haben sie Investoren im Hintergrund. Sie sind eher etwas für Liebhaber. Und wenn dann die Mieten für Betreiber steigen und sich gleichzeitig viele Gäste, weil ihnen wegen der allgemein schlechten Wirtschaftslage das Geld fehlt, weniger leisten können, um auszugehen, dann brechen kleine Kneipen als Erstes weg. Sie sind deshalb umso mehr auf Laufkundschaft angewiesen. Das Buch soll somit auch eine kleine Hilfe für die Kneipenkultur sein, das die Leute daran erinnert: „Wir könnten ja mal wieder in die Boazn gehen.“