Tumult nach dem Terror

von Redaktion

Vor Gericht schildern Zeugen die Schock-Momente beim Auto-Attentat

Der Tatort an der Seidlstraße. © Yannick Thedens

Der Moment der Festnahme. Rundherum: pures Chaos! © screenshot

Als Technikfreak bezeichnet sich Ingenieur Markus S. (42). An seinem Bürofenster in der Seidlstraße hatte er Kameras angebracht: „Ich wollte den Fortschritt der Apple-Baustelle nebenan im Zeitraffer dokumentieren“, sagt er. Doch das Erste, das seine Kameras aufgezeichnet hatten, war ausgerechnet der Auto-Anschlag mit zwei Toten und 43 Verletzten – am 13. Februar 2025, als Farhad N. (25) in die Verdi-Demo raste. „Der schrecklichste Tag meines Lebens“, sagt Markus S. Vom Fenster aus musste er den Terror mitansehen.

„Ich dachte erst, das ist ein Drängler – dem gibt die Polizei gleich einen Strafzettel“, so S. „Doch dann gab der Mini Cooper Vollgas. Zwischen fünf Streifenwagen hindurch beschleunigte er in die Menge. Das war ganz klar Absicht.“ Seinen Kollegen rief der Ingenieur zu: „Ich habe gerade einen Mordanschlag gesehen.“ Dann brach Panik aus, wie in vielen Büros am Stiglmaierplatz, von wo aus man den Anschlag sehen konnte – am vierten Prozesstag schildern mehrere Zeugen den Tumult am Tatort.

„Jemand schrie: Weg vom Fenster, da wird geschossen“, berichtet Markus S. – sein massiger Oberkörper windet sich, doch die schmerzlichen Erinnerungen kommen jetzt wieder hoch. Polizisten hatten ins Beifahrerfenster des Täter-Autos gefeuert und Farhad N. herausgezogen – während immer mehr Menschen an dem Mini „wild rüttelten“, wie Zeuge Patrick S. (40) beschreibt. Vor Gericht werden die erschütternden Videos dazu gezeigt: Verletzte neben aufgebrachten Helfern im Durcheinander des Terrors. Mittendrin: Farhad N., reglos im Auto sitzend. „Wenn die Polizei nicht eingegriffen hätte, hätten die Leute ihn rausgeholt“, sagt Zeuge Michael H. (46). „Sie meinen Selbstjustiz?“, fragt Richter Michael Höhne in ernstem Ton. „Das würde ich nicht ausschließen.“

Als Beamte den Attentäter zu Boden bringen und fesseln, hört Michael H. – sein Büro liegt wenige Meter entfernt – wie Farhad H. „mehrfach ,Allahu Akbar‘ rief“, sagt er. Für die Bundesanwaltschaft ein klares Anzeichen für die Terrorabsicht des Afghanen – H. hatte die Szenen aufgezeichnet. Mehrfach zittert seine Stimme bei seiner Aussage – auch nach fast einem Jahr sind viele Zeugen noch stark belastet. „So ein Erlebnis prägt. Das Leben verliert an Unschuld“, schildert auch Sabine W. (37).

Als Ersthelferin Gabriele R. (64) beschreibt, wie sie die schwer verletzte Hafsa (2) in den Armen hielt, zeigt auch Farhad N. starke Reaktionen: Er kneift die Augen zusammen, rollt den Nacken, dann schnellt das Kinn unkontrolliert nach vorne. Seine nervösen Ticks wiederholen sich – gerade, wenn die Stimmung im Saal kaum auszuhalten ist. „Das Kind hat noch zwei, drei leise Atemzüge gemacht und seinen Kopf dann zur Seite fallen lassen“, sagt Gabriele R. mit Tränen ringend im Zeugenstuhl. „Ich arbeite seit 25 Jahren mit sterbenden Patienten“, sagt sie. „Ich wusste, die Kleine ist jetzt in Gottes Hand.“ Denn der Kinderwagen „war platt, das Mädchen äußerlich aber unversehrt“, sagt die Helferin. Friedlich habe Hafsa darin gelegen. ANDREAS THIEME

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