Wer blickt da noch durch?

von Redaktion

Bürokratie in der Pflege: Zwei Münchnerinnen berichten

Sandra Michel-Falk hätte gern mehr Unterstützung gehabt.

Lieselotte Mayer war als Betreuerin im Einsatz, bevor sie selbst krank wurde. Sie verbringt viel Zeit mit der Recherche zu den finanziellen Aspekten der Pflege am Laptop. © Oliver Bodmer (2)

Dieses Thema kann jeden treffen: die Eltern, Oma, Opa, die Kinder. Sie werden alt, sie können krank werden und plötzlich auf Hilfe angewiesen sein – auf Pflege. Wer schon mal in dieser Situation war, weiß: Die Bürokratie, die einen erwartet, ist ein Wahnsinn.

Das erlebte auch Lieselotte Mayer (Name von der Redaktion geändert). Die 80-jährige Rentnerin aus Trudering pflegte zuerst ihre Nachbarin, dann wurde sie selbst krank. Hier lesen Sie, wie es Pflegenden und Pflegebedürftigen in München geht – und wo sie Hilfe bekommen.

Lieselotte Mayer lebt in einem Haus, in dem die Nachbarn aufeinander schauen. So half sie auch der alten Dame im Stockwerk über ihr. „Sie war ganz allein. Ich habe für sie eingekauft und vieles für sie erledigt.“ Eines Tages findet sie sie zusammengerollt im Bett. Es stellt sich heraus, die Nachbarin hatte nicht nur einen Magendurchbruch, sie ist auch dement. Mayer wird von ihr als Betreuerin eingesetzt und organisiert alles – Kurzzeitpflege, Pflegeheim, am Ende die Beerdigung. „Ich habe es gern gemacht.“

Schlimm waren die vielen Formulare. „Ich hatte ja keine Ahnung, wo und wie ich irgendwas beantrage.“ Mayer bekommt im Krankenhaus und von der Krankenkasse Hilfe. Doch dann wird sie selbst krank: Multiple Sklerose. „Ich lag wochenlang im Krankenhaus, dort riet man mir, eine Pflegestufe zu beantragen.“ Doch die wird ihr nicht bewilligt, obwohl sie in vielerlei Hinsicht Hilfe braucht. Also legt sie Widerspruch ein. „Wie und wo man das macht – das muss man ja erst einmal herauskriegen.“ Die 80-Jährige schafft es, weil sie geistig topfit ist, sich mit dem Computer auskennt, sich traut nachzufragen. Und weil sie Hilfe bekam – u.a. von den Pflegewächtern (s. Text unten).

Auch Sandra Michel-Falk hat den Bürokratie-Frust erlebt. Die Münchnerin pflegte acht Jahre lang ihre mittlerweile verstorbene Mutter. „Das bedeutete acht Jahre, in denen mein Mann, meine Kinder und ich unser Leben um ihre Bedürfnisse herum organisiert haben. Acht Jahre, in denen ich mich oft am Zahnfleisch gehend fühlte.“ Eine Auszeit wäre dringend nötig gewesen. „Ab und an gönnten wir uns winzige Verschnaufpausen und baten Nachbarn oder Freunde um Hilfe, bezahlt aus eigener Tasche, versteht sich.“

Erst als ein ambulanter Pflegedienst zu Hilfe geholt werden musste, erwähnte dieser beiläufig die Verhinderungspflege. Auf eine Verhinderungs- oder Ersatzpflege hat ein Pflegender Anspruch, wenn er durch Krankheit, Urlaub oder aus anderen Gründen verhindert ist. Die Kasse übernimmt die Kosten der Ersatzpflege für sechs Wochen je Kalenderjahr. Heißt: Zeit zum Durchatmen – und finanzielle Entlastung. Sandra Michel-Falk sagt: „Auf einmal wurde mir bewusst: All die Jahre hätte es finanzielle Unterstützung gegeben. Jedes Jahr bis zu 3500 Euro.“ Wie nötig hätte die 53-Jährige jemanden gebraucht, der sie darüber aufklärt, was ihr alles zusteht.

Lieselotte Mayer ist heute für jede Unterstützung, die sie bekam, dankbar. Sie weiß auch: „Man muss es sich selbst eingestehen, wenn man Hilfe braucht, und man muss sich kümmern, zum Beispiel Kosten vergleichen. Es geht um so viel Geld.“ ANDREA STINGLWAGNER

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