MÜNCHNER FREIHEIT

Die Kunst, ein anderer zu sein

von Redaktion

Der Tag der Einladung rückt näher, und ich erlebe einen beängstigenden Rollentausch: Die beste Ehefrau von allen ist die Ruhe selbst, und ich kämpfe gegen aufkommende Panik an. Ich weiß nicht, was ich anziehen soll. Es geht schließlich nicht um irgendeine Einladung, sondern um eine von Rudis legendären Faschingspartys. Mit Kostümzwang!

Eigentlich habe ich es nicht so mit dem Verkleiden, aber für Rudi mache ich eine Ausnahme. Nur: Was!? Den Piraten vom vergangenen Jahr kann ich kein zweites Mal bringen. Der Tiefseetaucher von 2024 war originell, aber ich wäre darin fast einem Hitzschlag erlegen.

Jetzt hat mich Donald auf eine Idee gebracht: Ich gehe als Nobelpreisträger! Der Friedensnobelpreis ist zwar schon weg, aber einer der Münchner Preisträger (immerhin gibt es derzeit neun lebende in den Disziplinen Physik, Chemie und Medizin) wird doch zu überreden sein, mir seine Urkunde für einen Abend auszuleihen. Ich müsste ihn halt höflich bitten, weil meine Überzeugungskraft sich nicht mit der von Donald messen kann. Bei Donald (ich nenne ihn beim Vornamen, weil ich ihn leider Gottes inzwischen recht gut kenne. Er mich zum Glück nicht) – bei Donald also müsste jeder rechtschaffene Laureat, der seine Urkunde nicht hergeben will, damit rechnen, dass ein Einsatzkommando sein Land und sein Haus stürmt und ihn festnimmt.

Die Idee gefiel mir immer besser, bis mein Blick auf ein Foto fiel, das ich vor vielen Jahren von meinem Sohn gemacht habe: Als Dreijähriger schlurft er stolz wie Oskar in meinen Bergstiefeln durch die Wohnung. Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich es als Dreikäsehoch in den Schuhen meines Vaters genauso gemacht habe. Aber als Erwachsener? Die Kunst, ein anderer zu sein, besteht darin, es nicht peinlich werden zu lassen. Und mit so einer Nobelpreis-Urkunde würde ich mir Schuhe anziehen, die mindestens zwanzig Nummern zu groß sind. Dass sich Donald daran nicht stört, macht es nicht weniger dämlich. Andererseits: Vielleicht gehört es für Politiker zum guten Ton, sich ab und zu zu verkleiden. Auch unser Ministerpräsident zelebriert das ja mit großem Aufwand jedes Jahr in Veitshöchheim. Dieses Jahr soll er angeblich als Döner gehen. Zum Glück findet er – anders als Donald – am Aschermittwoch wieder einigermaßen in die Realität zurück.

Trotzdem: Das mit dem Nobelpreis ist mir zu heikel. Ich könnte stattdessen gleich als Politiker gehen. Als gebürtiger Franke hätte ich zum Beispiel den Söder dialektmäßig voll drauf. Und kosdümdechnisch sind viele Boliddiger leicht zu kobieren: Die passende Perücke, gegebenenfalls ein Kissen unterm Hemd, und als zentrales Verkleidungselement die richtige Choreografie: Nach jedem dritten Schritt eine Kehrtwendung. Meine Sorge ist nur, dass das in Rudis enger Wohnung nicht zur Geltung kommt, und dass ich diesen Tick, einmal eingeübt, am Aschermittwoch nicht mehr loswerde.

Eigentlich war der Pirat gar nicht so schlecht.

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