Er hat sie auf dem Gewissen

von Redaktion

Ermittler sicher: Bernd V. für Anschlag von 1970 verantwortlich

Dramatische Szenen: Einsatzkräfte retten verletzte Bewohnerinnen aus dem brennenden Haus im Gärtnerplatzviertel. © Joachim Barfknecht/pa, Heinz Gebhardt

Bernd V. ist laut Ermittlern für das Attentat verantwortlich.

Bei dem Feuer im jüdischen Altenheim an der Reichenbachstraße kamen im Februar 1970 sieben Menschen ums Leben. © Archiv

Bernd V. war Sohn aus reichem Hause, Berufskrimineller, NS-Fan – und wohl mehrfacher Mörder. Münchner Ermittler sind sich sicher: Er war für den größten Mordanschlag auf Juden in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich.

Beim Anschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße am 13. Februar 1970 starben sieben Menschen. Die Täter wurden nie gefunden, 2017 wurden die Ermittlungen eingestellt. Doch seit dem 31. Januar 2025 ermittelte die Generalstaatsanwaltschaft München erneut im Fall (wir berichteten). Laut dem Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Justiz, Andreas Franck, hatte sich „eine Privatperson“ an ihn „mit neuen Hinweisen zum Fall“ gewandt.

Nach unseren Informationen steht das Ergebnis der Ermittlungen ein Jahr später für die Ermittler fest: Bernd V. soll das Feuer gelegt haben – weil er nach einem gescheiterten Einbruch in ein Juweliergeschäft sauer auf Juden gewesen sein soll. Der „Spiegel“ hatte zuerst berichtet.

Bernd V. ist längst tot – war in den 1970er-Jahren aber kein Unbekannter. 1972 war er wegen des Diebstahls der „Blutenburger Madonna“ verurteilt worden. Im spektakulären Prozess hatte Bernd V. zu Unrecht behauptet, dass ihn Volksschauspieler Walter Sedlmayr dazu angestiftet hatte (siehe Kasten).

Damals kam auch der Lebenslauf von Bernd V. zur Sprache: 1944 geboren, entstammte er einer Münchner Zahnarztfamilie, „der es nie an Geld fehlte“, wie es im Münchner Merkur damals hieß. Nach der Volksschule ging er aufs Realgymnasium, wollte Anwalt werden. Stattdessen geriet Bernd V. auf die schiefe Bahn. Er kam in ein Internat nach Bad Reichenhall. Als Grund gab Bernd V. vor Gericht an: „Meine Mutter hatte sich immer eine Tochter gewünscht und erzog mich als Mädchen, mein Vater aber als Mann“. Seine Erziehung war tatsächlich seltsam – als Zwölfjähriger bekam er vom Vater eine Pistole zum Geburtstag geschenkt. Als Bernd V. das Internat wieder verlassen musste, weil der Vater Geldsorgen hatte, riss er sich die Kaution ans Internat unter den Nagel. Vor Gericht sagte er dazu: „Mein Vater warf mir aber nicht den Diebstahl vor, sondern nur, dass ich erwischt wurde.“

Der Hang zum Verbrechen wuchs: 1961 erbeutete Bernd V. 900 Mark bei einem Einbruch. 1962 sprengte er beim Besuch des französischen Präsidenten Charles de Gaulle am 8. September zwei Telefonzellen mit selbst gebasteltem Sprengstoff. Ein Umstand, der im Fall des jüdischen Altersheims wichtig ist. Bernd V. bekam für die Sprengungen nur eine Jugendstrafe auf Bewährung, fing danach eine kaufmännische Lehre an und arbeitete dann als Buchhalter und Vertreter, wie er 1972 vor Gericht sagte. Doch 1967 wurde Bernd V. erneut straffällig. Er half, einen Tresor und 63 000 Mark zu stehlen.

Am 13. Februar 1970 kam es zum Anschlag auf das jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße 27. Nach Informationen unserer Zeitung gehen die Ermittler davon aus, dass Bernd V. zuvor mit einem Komplizen versucht hatte, ein Juweliergeschäft im Viertel auszurauben. Als das schief ging, soll er aus Ärger auf Juden das Altersheim angezündet haben. Laut „Spiegel“ war er glühender Anhänger des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers.

Das Altersheim war im Jüdischen Gemeindezentrum an der Reichenbachstraße 27 untergebracht. Kurz vor 21 Uhr waren rund 50 Menschen im Gebäude. Bernd V. soll mit dem Aufzug hinaufgefahren sein und auf jedem Stockwerk brennbare Öl-Benzin-Gemische angezündet haben. Beim Anschlag starben David Jakubowicz (59), Georg Eljakim Pfau (63), Leopold Arie Leib Gimpel (69), Siegfried Offenbacher (71), Meir Max Blum, Regina Rivka Becher (59) und Rosa Drucker (59). Jakubovicz und Pfau hatten die Vernichtungslager der NS-Zeit überlebt.

Nach der Tat gründete die Polizei eine 60 Mann starke Sonderkommission. Die Beamten befragten stadtbekannte Pyromanen, arabische Gastarbeiter, Rechtsextreme und sogar einen Friedhofsschänder, der mal jüdische Gräber verwüstet hatte. Die Polizisten ermittelten auch gegen Angehörige der anti-israelischen Organisation „Münchner Palästina-Komitee“ und linksextreme Täter der Gruppe „Tupamaros München“. Alles ohne Ergebnis. Selbst eine ausgesetzte Belohnung von 100 000 Mark brachte keine entscheidenden Erkenntnisse. 2017 stellte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen deshalb ein.

Den Münchner Ermittlern ist zu verdanken, dass der Fall nun gelöst scheint – intern geht man nach unseren Informationen jedenfalls davon aus. Für die vielen Hinterbliebenen der Opfer ein wichtiger Schritt. Sie wissen nun, wer ihre Familien ins Unglück stürzte.THOMAS GAUTIER

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