In diesem Schülerheim in Icking lebten Kurt Benzinger und Bernd V. © privat
Das brennende jüdische Altenheim 1970. © archiv
Kurt Benzinger aus Dietramszell ging mit dem Verdächtigen Bernd V. (o. li.) zur Schule. © Sabine Hermsdorf-Hiss
Er hauste in einer Hütte im Wald, schoss auf Bahnanlagen und betrank sich an Hitlers Geburtstag. Neue Erkenntnisse zum Attentäter Bernd V., der den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in München mit sieben Toten verübt haben soll (wir berichteten).
Der pensionierte Arzt Kurt Benzinger (81) aus Dietramszell war Mitschüler des Nazi-Fans und Berufskriminellen. Beide besuchten 1958 das Realgymnasium in Icking. „Wir sind beide Jahrgang 1944, waren damals also 16 Jahre alt“. Sie wohnten auch gemeinsam, sagt Benzinger – „mit 30 bis 40 Jugendlichen im Schülerheim Walchstadter Höhe“.
In unseren Zeitungen erfuhr Benzinger von den neuen Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft München: Bernd V. soll aus Wut auf Juden 1970 das Altenheim in der Reichenbachstraße in Brand gesetzt haben. „Ich habe sein Foto gleich erkannt. Das dunkle Gesicht, die buschigen Augenbrauen. So sah er damals schon aus“, sagt er. „Bernd war ein böser Junge, ein Außenseiter – und zutiefst antisemitisch.“ Der Sohn einer Münchner Zahnarztfamilie sei aus einem üblen Elternhaus gekommen und habe eine „völlig desolate Erziehung genossen“, so Benzinger. Deshalb sei er auf die schiefe Bahn geraten.
Mehr als einmal sei die Polizei seinetwegen im Schülerheim gewesen. „Er war ein echter Krimineller““, sagt Benzinger. Bernd V. sei öfters nach München gefahren – auf Gaunertour. „Am nächsten Tag prahlte er, er habe dies oder das geklaut.“ Bernd V. habe auch oft den Unterricht geschwänzt. „Er hauste tagelang in dichtem Wald in einer Hütte, wenn er wieder mal was verbrochen hatte.“ Dort habe Bernd V. gerne seine Pistole abgefeuert. Die hatte er von seinem Vater bekommen – das hatte V. bei einem Prozess 1972 erzählt. „Er übte mit seinen Spießgesellen das scharfe Schießen auf Signalanlagen der Isartal-Bahn“, sagt Benzinger. „Manchmal schoss er auch auf ein altes Haus im Wald. Ich war auch einmal dabei, da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben geschossen.“
Im Schülerheim sei V. ein Sonderling gewesen, sagt Benzinger. Was ihn damals schon gestört habe, sei „seine nazigeprägte Denkweise“ gewesen. Bernd V. habe oft „Heil Hitler“ gerufen. „An Hitlers Geburtstag ist er ganz aufgeblüht, das musste er feiern – mit Saufen und Grölen“, erinnert sich der Mediziner. „Er hat ständig antijüdische Dinge von sich gegeben. Ein Gedicht fand ich ganz schlimm, es lautete in etwa: ,Wer kommt denn da auf platten Füßen, die Nase krumm, die Haare kraus? Es ist ein Jud‘. den musst‘ erschießen“ – so in etwa. Das fand er witzig.“
1958 verlor Kurt Benzinger Bernd V. aus den Augen. Laut Gemeinde Icking hatte er das Realgymnasium am Ende des Schuljahres verlassen müssen – er hatte das Klassenziel nicht erreicht. 1964 machte Kurt Benzinger sein Abitur, studierte dann Medizin. Das Schülerheim ist längst abgerissen. Bernd V. sah er nie wieder.
Heute sind sich Ermittler rund um den Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Justiz, Andreas Franck, sicher: Bernd V. legte 1970 das Feuer im jüdischen Altenheim an der Reichenbachstraße. 2020 verstarb der Mann. Kurt Benzinger erinnert sich ungern an ihn: „Leider sind ihm mehrere Menschenleben zum Opfer gefallen, doch deren bedauernswerte Hinterbliebene kennen nun endlich, nach so vielen Jahren, den Mörder und Attentäter.“THOMAS GAUTIER