Auf heißen Sohlen durch den Fasching

von Redaktion

Schwitzen, tanzen, lachen – Ein Tag mit den Schäfflern unterwegs in München

Am liebsten draußen: Die Schäffler tanzen auf dem Sendlinger-Tor-Platz. © Michaela Stache (2)

Frühstart in den Tag: Die Schäffler versammeln sich ab 6.30 Uhr im Augustiner Stammhaus.

Kurz vor halb sieben, Augustiner Stammhaus und die Treppe hoch in die warme Stube. Die ersten Schäffler sind schon da, ratschen, lachen, trinken Kaffee, essen Kuchen. Der erste Auftritt ist um acht Uhr. In der hinteren Stube sind Gewand und Schuhe. Jeder hat zwei Paar, sagt uns Schäffler Helmut. Eins an den Haxn, das zweite beim Schuster, der für die Pflege zuständig ist. Alle sieben Jahre – das Intervall der Auftritte – gibt‘s zwei neue Paar. „Nach einer Saison sind die durch“, grinst Helmut.

Bei der Tür sitzt Christa. Sie organisiert die Auftritte, koordiniert die Termine, damit man möglichst kurze Strecken fahren muss, beantwortet Mails und Anrufe. Es hat geschneit in der Nacht – das wird matschig. Um Viertel nach sieben sitzen alle im Bus. Der ist gemietet, außen weiß und blau mit einem tanzenden Schäffler in voller Bushöhe auf einer Seite. „Wilhelm Schmid Fassfabrik“ steht über den Logos und Namen der sechs großen Münchner Brauereien.

Was man von außen nicht sieht: die herrliche Inneneinrichtung. Da hängen Gläser und weitere Utensilien von der Decke, da steht ein Holzkiosk in der Mitte, wo es Getränke (für die Harten auch schon die erste kühle Presshalbe), heiße Suppe, belegte Semmeln und mehr gibt. Die Stimmung: bombig! Der Arbeitstag wird erst einmal intoniert mit einem herzhaften „Immer wieder geht die Sonne auf!“ Dann wird weiter gefrotzelt und gelacht.

Unser Fahrer hat bis mittags Dienst, dann wird er abgelöst. Nachteil: Sein Wecker klingelt vor vier Uhr. Vorteil: Er hat frei, bevor die Stimmung nach jedem Auftritt noch ein bisserl weiter steigt. „Du brauchst schon gute Nerven“, schmunzelt seine Ablösung später. Die Stimmung erinnert an einen voll besetzten Malle-Flieger. Schäffler-Mitvorstand und Schriftführer Christoph Saur grinst. Da sei schon was dran.

Erst einmal wird überprüft, ob jeder (und jede, das Münchner Kindl der Truppe, Magdalena, fährt auch mit) an Bord ist. Wie beim Bund werden die Nachnamen aufgerufen, und dann ertönt ein „Hier!“ Kann aber auch „Pennt!“, „Körperlich anwesend, geistig weiß ich nicht – Das warst du noch nie!“ gerufen werden. Dann rollt der Bus los. Ein Mann steht auf und sammelt Schulden ein. Über seinem Sitz steht „Inkasso-Büro“. Wer einen Vortänzer beleidigt, zahlt zwei Euro und kriegt nach dem Auftritt vor versammelter Mannschaft die blaue Karte gezeigt. Eine gelbe Karte kostet fünf Euro, die rote ab zehn. Rot sieht man, wenn man einen Tanz verpasst oder einen Fuß so früh setzt, dass die ganze Tanz-Truppe durcheinanderkommt. Gezahlt wird anstandslos – und lachend.

Allein das Gewand kostet jeden Fassmacher rund 3500 Euro. Eine Sache der Ehre und der Liebe zur Tradition, sagt Schriftführer Saur. Viele Ehemalige mit 60 und weit mehr Jahren fahren mit, in vollem Gwand – sie sind Einspringer, helfen mit und/oder geben dem „Nachwuchs“ Tipps.

Die Stadt hat 35 Auftritte gebucht, dazu kommen vormittags viele Schulen und nachmittags Seniorenheime. 8 Uhr, Grundschule Gotzinger Platz: Im Pausenhof werden die sagenhaft gute Kapelle rund um Richard Huber sen. und jun. und die Tänzer bejubelt. Die zeigen ihre Schritte, Figuren und Sprünge, die Kaschperl hupfen herum und tupfen schwarze Farbe auf kalte Nasen. Nach einer Dreiviertelstunde geht‘s im (Triumph-)Marsch wieder zum Bus.

Die Schäffler tanzen lieber bei so einem Wetter als drinnen. Denn im Saal, wie vor allem in Seniorenheimen, fließt der Schweiß, danach geht es wieder in die Kälte und in den Bus, der leicht zur Virenschleuder werden kann. Vier weitere Grundschulen stehen an, am Nachmittag zunächst Seniorenheime, zuletzt um 15 Uhr ins Augustinum Am Stiftsbogen. Ins Freie, zum Glück. Zum Unglück auf einen durchweichten Rasen. Das ist anstregend und saut Schuhe und Strümpfe ein. Die Schuhsohlen sind ohne Profil und aus Leder. Aber Dutzende strahlende Gesichter sind jedem Schäffler alle Mühe wert.

Sendlinger Tor, 16 Uhr. Das Münchner Kindl eröffnet mit einem Gedicht über die Tradition und wünscht alles Gute. Hunderte Handys werden gezückt. Nach dem Finale in der St.-Paul-Straße ist Schluss für heute. So eine Truppe mit so viel Disziplin und Leidenschaft müsste man klonen, dann sähe es am „Standort Deutschland“ (O-Ton Polt) anders aus.

Verschont von schwarzen Kaschperl-Tupfern auf der Nase bleibt der Reporter nicht. „Scho wieda?!“, rutscht es ihm nach dem vierten heraus. Kaschperls Antwort: „Das sind Treuepunkte.“MATTHIAS BIEBER

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