In dieser Woche wäre Hans-Jochen Vogel 100 Jahre alt geworden – das wurde gebührend gefeiert. Wann ist schon ein Politiker bei einem derart hohen Geburtstag noch so mit seinen Verdiensten um die Stadt, um das Gemeinwohl so präsent? Schön für seine Familie, Mitstreiter, die noch leben, und seine Nachfolger, deren Zahl immer noch wächst, für seine Partei, die selten so viel Lob bekommt. Aber das meine ich gar nicht. Diese Woche wird als Wohltat in Erinnerung bleiben, weil sie ein „Fest der Demokratie“ war. Lob nicht nur vom eigenen Anhang, sondern gerade von der politischen Konkurrenz. Es muss gar nicht sein, dass man sich im weltweiten Netz gegenseitig schmäht und verachtet, mit Häme überschüttet, ohne Unterbrechung herabsetzt und verdächtigt, wie es in angeblich „sozialen“ Medien täglich massenhaft vorgeführt wird. Es geht auch mit Respekt, mit Anerkennung für guten Willen und erbrachte Leistung, mit Dankbarkeit für Erfolge, die auch Jahrzehnte später noch positiv nachwirken.
Natürlich haben nicht viele ein Lebenswerk vorzuweisen wie Vogel, der Olympia nach München brachte, den Nahverkehr ausbaute und die Fußgängerzone durchsetzte, heute unvorstellbare Zahlen im Wohnungsbau mit komplett neuen Stadtvierteln realisierte. Der als Bundesjustizminister ein modernes Scheidungsrecht schuf, den RAF-Terror wirksam bekämpfte und Anstöße für ein sozialeres Bodenrecht gab. Und der als Partei- und Fraktionsvorsitzender konstruktiv an der Deutschen Einheit mitwirkte. Aber dass es ihn geben konnte, beweist deutlich, dass „Altparteien“ kein Schimpfwort sein kann oder werden darf, sondern dass die Bilanz unserer Demokratie mit allen Stärken – und natürlich Schwächen – selbstbewusst gewürdigt werden kann und verteidigt werden muss gegen Demagogen, die Angriffskrieger, Alleinherrscher und Tyrannen wegen ihrer Machtfülle preisen und Repräsentanten unserer Demokratie pausenlos madigmachen wollen, damit die demokratischen Rechte gleich mit abgeschafft werden können.
Zufällig fiel auch der Abschied von Rita Süßmuth in diese Woche. Auch hier fast ein Jahrhundertleben für die Demokratie, Verdienste um die Frauenrechte und die Gleichberechtigung und den Parlamentarismus, stets vorbildlicher Stil. Überparteiliches Ringen um Fragen der Migration – mit Konzepten, nicht mit Parolen. Vogel hatte das Glück, auch mit Gegenkandidaten solchen Kalibers zu tun zu haben, etwa in Berlin, wo er gegen Richard von Weizsäcker unterlag. Beide sprachen immer nur mit dem größten Respekt voneinander.
Andere Zeiten? Ja. Aber nur, weil heute so viele nichts anderes tun und leisten, als ständig die Luft mit giftigen Parolen zu verpesten.