Zu meinem Kellerabteil habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits zeigt mir der dunkle Verschlag am Ende der Treppe, wie schön das Leben sein kann: Der Sonnenschirm erinnert an Urlaub. Die Weinflaschen wollen mit Freunden geöffnet werden. Bergschuhe, Skier und Fußbälle versprechen Glückshormone bei Anwendung. Ich gehe manchmal wirklich zum Lachen in den Keller. Andererseits aber steht in meinem Kellerabteil mein Erzfeind, der Werkzeugkasten – und ein Regal mit Ordnern aus meinem Studium an der Münchner Filmhochschule. Neulich blätterte ich kurz hinein – was für eine Demütigung! Selten in meinem Leben habe ich mich so alt gefühlt wie beim Blick in die Unterlagen der Abteilung Technik. Nur so viel: Zu meiner Studienzeit wurde einer brandneuen Erfindung eine große Zukunft vorausgesagt. Sie hieß Internet.
Vermutlich altert jede Ausbildung. Wer in den 80er-Jahren eine Lehre in der Bäckerei begann, kam mit dem Begriff Krapfen gut über die Runden. Heute ist die Krapfen-Familie so groß wie die von Elon Musk – und die Namen der Familienmitglieder ähnlich verstörend. Architekten meiner Generation erinnern sich an Zeichentische (!), an denen tapetengroße Pläne (!!) entstanden, die in Rollen verpackt (!!!) zum Postamt (!!!!) gebracht wurden. Von heute aus betrachtet wirkt es so, als wäre das kurz nach der Erfindung der Dampfmaschine geschehen.
Was auf eine sonderbare Art und Weise altert, sind Besetzungslisten von Filmen. Sie sind immer Momentaufnahmen. Man weiß nicht, was aus den Schauspielerinnen und Schauspielern wird. Manchmal will man nachträglich erröten. Mancher Name entwickelt sich zum Kassengift, Melania Trump zum Beispiel. Andererseits bereut man manchmal, jemandem nur eine kleine Rolle angeboten zu haben. Luise Kinseher zum Beispiel hat in meinem Diplomfilm mitgespielt – ohne ein einziges Wort Text. Asche auf mein Haupt!
Vergangene Woche sah ich im Kino den Film „Ach, diese Lücke…“. Als die Figur Sabrina ins Bild sprang, begann ich zu lächeln. Denn Sabrina wird von Katharina Stark gespielt. Mit der habe ich auch schon gearbeitet, allerdings war sie da noch ein Teenager. Ähnlich verhält es sich mit Nevio Wendt. Vor neun Jahren spielte er den Sohn der Hauptfigur in einem meiner Filme – heute ist er Peter Shaw von den „Drei ???“. Meine Kinderschauspieler von einst sind mittlerweile Kino-Stars. Ich freue mich sehr für sie. Sie haben sich deutlich besser entwickelt als der Technikordner in meinem Keller.