Neulich spürte ich es wieder, dieses sanfte Wohlgefühl in Körper und Gemüt. Es stellt sich automatisch ein, wenn ich, zum Glück frühzeitig im Theater angekommen, gemütlich im Foyer sitze oder herumschlendere und auf den Beginn der Vorstellung warte. Beim erwähnten „Neulich“ handelte es sich sogar um eine Premiere, die der Inszenierung von Marieluise Fleißers Stück „Pioniere in Ingolstadt“ im Münchner Volkstheater. Da ich den Auftrag hatte zu schreiben, war mir nicht ganz so gemütlich zumute; als Rezensentin habe jedenfalls ich immer ein bissl Lampenfieber, obwohl ich ja schon Jahrzehnte auf diesem Feld werkle.
Trotzdem bleibt das Wohlgefühl als „Vorspiel“, weil sich in ihm ein Gemeinschaftsgefühl einstellt. Du merkst, ohne dir dessen bewusst zu sein, dass du dich mit allen anderen einschwingst auf eine frohe Erwartung. In ihr steckt stets ein wenig Aufregung: Mag ich das Drama (falls man’s noch nie gelesen hat)? Wie ist die Regie? Hoffentlich finde ich das Ensemble gut und werde nicht enttäuscht! Ja, es kribbelt unruhig in einem. Vorfreude und Spannung mischen sich.
Beides merkt man dem aufgekratzten Geschnatter in der Halle an, dem Strahlen in den Gesichtern, wenn endlich die Freundin/der Freund eintrudelt. Das Paar umarmt sich, Wein wird geordert oder ein doppelter Espresso, weil man von der Arbeit eigentlich saumüd ist. Grüppchen stehen beieinander, möglicherweise Verwandte einer Schauspielerin, denn eine Dame umklammert ein Blumensträußchen. Das, was jetzt gleich über die Bühne geht, wird einen entweder aus dem Alltag reißen oder sanft entschlummern lassen. Aber noch überwiegt das Flirren der Möglichkeiten, der denkbaren Überraschungen, der Begeisterung vielleicht, der tiefen Berührung. Wer einmal im Theater war, weiß, dass dieser Zauberraum Unglaubliches bieten kann.
Er erzeugt nicht nur im Entree mit einem Glaserl Sekt und einem schönen Ratsch ein Gemeinschaftsgefühl unter den Zuschauern. Nein, sie wissen bereits dort, dass sich diese Stimmung gleich ausdehnen wird. Vor und auf der Bühne, im Spiel oben und im Mitgehen unten entsteht die zweite, die größere Einheit (wenn alles gut geht …). Nenn’ es Faszination, nenn’ es Leib-Seele-Vibrationen, nenn’ es Mega-Kommunikation oder Zusammenfinden – es ist Theater, Tanz, Oper, Konzert, Lesung von leibhaftigen Menschen für leibhaftige Menschen. Kino, Streaming, Virtuelles können da nicht mithalten.