Auf dem Dach des Olympiastadions dokumentieren Wilhelm und seine Kollegen Schäden und reparieren sie.
Andi Wilhelm in Zivil. Er liebt Freiheit und Vielfalt. © iwi
Im glatten Schacht kann es anstrengend werden.
Bei der Arbeit: Helm, Gurt, Karabiner, Seile und Rettungsausrüstung sind immer mit dabei. Andreas Wilhelm genießt von oben oft die Ausblicke auf die Stadt. © privat (3)
Andreas Wilhelm (47) kommt mit einem gebrochenen Finger zum Interview. Er hat sich bei der Arbeit auf einem 100-Meter-Turm mit einem Kuhfuß auf die Hand gehauen. Eigentlich sollte er in dem riesigen Kalkofen Anbackungen lösen. Aber der Schmutz saß fest. „Die Abläufe waren noch nicht eingespielt, und ich war unaufmerksam.“ Sonst passieren dem Profi-Kletterer keine Nachlässigkeiten. In großer Höhe ist Konzentration gefragt.
Herr Wilhelm, wo klettern Sie überall hinauf?
Ich klettere an Hochhausfassaden, auf Hochregallager, Schornsteine, Heiz- oder Kühltürme. Ich werde gerufen, wenn Kräne oder Hebebühnen statisch nicht aufgestellt werden können oder da, wo ein Gerüst zu teuer wäre. Meistens, um etwas zu warten, zu reparieren oder auszutauschen, zum Beispiel Beschattungsanlagen an Hochhäusern oder kaputte Windwächter. Oder bei einem hoch angebrachten Logo muss eine Lampe ausgetauscht werden. Die Reinigung von Silos und Kesseln erledigen wir Industriekletterer auch, das sind oft sehr harte Jobs.
Haben Sie auch auf Windrädern zu tun?
Darauf muss man sich spezialisieren, das machen Kollegen von mir. Bei Windrädern müssen Kletterer Treppen einbauen. Oder die Flügel reparieren. Das ist abenteuerlich, denn auf 100, 200 Metern ist es sehr windig. Da hängt man wie ein Drachen an den Seilen. Das steht noch auf meiner Liste.
Der Ernstfall: Wie kommen Sie eine nackte Wand hoch?
Wir nehmen idealerweise den Aufzug und lassen uns dann zur Arbeitsstelle von oben herunter. Die Sicherung muss ja auch von oben erfolgen. Leider gibt es in Deutschland oft keine geprüften Anschlagpunkte. Dann müssen wir selbst Aufhängungen für unsere Sicherungsseile anbringen. Lange Aufstiege ohne Aufzug sind dagegen eine Plackerei. An Wänden und Schornsteinen sind zum Glück meistens Steighilfen angebracht. Wenn nicht, machen wir es wie beim Bergsteigen: mit Schlagankern oder Bohrhaken. So wie letztens bei einer großen Münchner Firma. Da mussten wir in einem Schacht zehn Meter völlig glatte Wand überwinden. Das hat zwei Stunden gedauert.
Sind Sie auch Handwerker?
Ich habe BWL und Tourismus studiert, davor Maschinenbau. Glücklich war ich mit keinem davon. Erst das Industrieklettern hat mich begeistert. Ein Bauberuf ist dafür auf jeden Fall gut. Daher mache ich gerade eine IHK-Fortbildung zur Elektrofachkraft für die Industrie.
Wie sind Sie ausgerüstet?
Ich gehe mit Helm, Sicherheitsschuhen, Vollkörpergurt und Handschuhen. Allgemeine Werkzeuge wie zum Beispiel Akkuschrauber oder Bohrmeißel müssen je nach Auftrag natürlich extra mit. Dazu habe ich immer auch ein Abseilgerät und eine mitlaufende Sicherung an einem zweiten Kletterseil dabei. Verbandsmaterial und Ausrüstung für eine Rettung innerhalb von 15 Minuten muss auch mit – falls ein Kollege sich an der Fassade verletzt oder ohnmächtig wird und ein Hängetrauma bekommt.
Hatten Sie jemals Höhenangst – oder genießen Sie das Adrenalin?
Ich habe normalen Respekt vor der Höhe, so wie jeder. Das erste Mal in einem neu installierten Seilsystem ist immer ein wenig aufregend. Der erste Schritt über die Kante – hält alles? Aber natürlich hält es, wir sichern ja alles doppelt. Wenn man nicht überfordert ist, sich aber auch nicht langweilt, kommt man oben am besten in den Flow.
Haben Sie schon mal gedacht „Jetzt ist es aus“?
Nein, nie. Ich hatte nur mal einen Auftrag, bei dem ich drei Wochen lang Hochhausfenster putzen musste. Der Auftraggeber hatte eine schlechte Ausrüstung, mir war andauernd unwohl. Aber ich habe die Arbeit zu Ende gebracht. Die Unfallstatistik unter Industriekletterern ist jedenfalls relativ gut. Da geht es auf dem Erdboden oft viel gefährlicher zu.
Wo klettern Sie am liebsten?
Ich mag es, in der Stadt Ausblicke zu haben, die man sonst nicht hat. Ich war mal im Steinkohlekraftwerk Nord in Freimann. Wir hatten Sicht über drei riesige mit Kohle gefüllte Kessel, das sah irre aus! Ein schöner Tag im Olympiastadion ist aber auch was Tolles.
Sie sind öfter auf dem Olympiastadion unterwegs. Was tun Sie da?
Hier wird gerade restauriert, deshalb inspizieren und dokumentieren wir den Zustand. Abdichtung ist ein großes Thema: Die tausenden Acrylglasscheiben sind mit Gummi verbunden, und der ist seit 25 Jahren Temperaturen und UV-Licht ausgesetzt. Wir kleben die Schäden wieder zu. Die Platten selbst haben ebenfalls begrenzte Lebensdauer. Die können ohne Anzeichen durchbrechen. Das Plastik splittert scharf und macht fiese Kratzer. Wir gehen da nur mit Schutzhosen hoch.
Lohnt sich die Kletterei?
Das kommt darauf an, ob man selbst einen Auftrag erhält oder als Teammitglied bei einem Subunternehmer einsteigt. Mein Tagessatz liegt zwischen 500 und 1000 Euro.
Wo würden Sie gerne mal raufklettern?
Da gibt es mehrere Traumziele. Auf den Olympiaturm zum Beispiel, und zwar ganz nach oben, dort, wo die Antenne ist. Oder ich würde gerne zur Revision der Eibseebahn auf der Zugspitze. Aber die Liste derer, die nach da oben mitwollen, ist lang. Auf eine Kirche mit einem steilen Dach würde ich auch gerne mal klettern. Auf der Sankt-Pauls-Kirche musste ich mal eine festgefressene Fahne rausholen, das war spannend. Und am O2-Tower würde ich mich gerne einmal abseilen.
Ich dachte, Sie nennen jetzt den Burj Khalifa oder so was. Wäre der zu hoch?
Nein, der wäre mir auch nicht zu hoch. Wissen Sie, irgendwann ist es egal, wie hoch etwas ist. Wenn man den Boden sieht, ist es oft viel schlimmer.
ISABEL WINKLBAUER