Die Fasenickl sind los!

von Redaktion

In Kipfenberg sind im Fasching einzigartige Figuren unterwegs

Oberfasenickl Lukas Bruckschlögl mit Maske und dem handgenähten Gwand. © Privat (2)

Kipfenberg steht kopf: Hier im Landkreis Eichstätt sind im Fasching die Fasenickl mit knallenden Peitschen und klingelnden Glocken unterwegs.

Kipfenberg – Ein Kipfenberger, der Fasching nicht mag, muss sich jetzt daheim einsperren – oder umziehen. Das sagt Lukas Bruckschlögl mit einem selbstbewussten Grinsen im Gesicht. Immerhin ist der 29-Jährige als Oberfasenickl hier Chef aller Fasenickl – und diese 70 lärmenden Manschgerl machen die Marktgemeinde im Kreis Eichstätt seit Wochen unsicher. Am heutigen Unsinnigen Donnerstag laden die Fasenickl Kinder zum Preisschnalzen an die Goaßln, am Samstag noch mal gut 1000 Teilnehmer zum zweistündigen Umzug.

Zum legendären Narrensprung pilgerten am ersten Februar-Wochenende rund 6000 Menschen in das 5800-Einwohner-Dorf. Auch aus Österreich, Frankreich und der Schweiz kamen Vereine. „Es geht nicht nur um die Gaudi, auch ums Sehen und Gesehenwerden“, sagt Bruckschlögl. „Jeder Verein will sein Brauchtum präsentieren.“

Kipfenberg muss sich da nicht verstecken. Der Fasenickl – mit dem aufwendigen Kostüm und seinen Ritualen – gilt als eine der schillerndsten Fastnachtsfiguren im deutschsprachigen Raum. Der gleichnamige Kulturverein hält ein Kostüm von 1810 in Ehren und betreibt ein eigenes Museum im mittelalterlichen Torwärterhaus (freier Eintritt, Mai-September: sonntags 14-17 Uhr).

„Unser Verein besitzt Quellen, die dieses Brauchtum im Raum Kipfenberg, Kinding und Enkering schon in der Barockzeit erwähnen“, erklärt Bruckschlögl. Auf jene Zeit geht auch der mysteriöse Ruf „Gö-sucht“ zurück. Er gibt Archivaren noch immer Rätsel auf. „Gelbsucht“ könnte das vielleicht heißen, vermuteten sie lange. Weil der Fasenickl mit diesem Ruf, Glocken und Peitschen symbolisch ja nicht nur den Winter, sondern im düsteren 18. Jahrhundert wohl auch schwere Krankheiten vertreiben sollte.

Eine Kurzstielpeitsche und Maske aus Lindenholz gehören bis heute zum Kostüm. Traditionell dürfen es nur Männer tragen. Die Gewänder sind handgemacht. 6000 rote Filzrauten, eine handgeknüpfte Wollborte mit Goldfäden und viele Messingglöckchen zieren Hose und Hemd in Beige. Maskenschnitzer Benjamin Blechinger versucht, die Gesichtszüge des jeweiligen Trägers einzuarbeiten und macht aus großen Nasen hölzerne Zinken. Jede Maske trägt Schnauzer und Haube. Letztere lässt den Fasenickl majestätisch groß wirken. Denn auf ihr thront mit einem Hahnenfederbusch und bunten Bändern der sogenannte Scheberer.

Diese kunstvollen Kostüme werden oft über Generationen vererbt. „Allein im Gewand stecken an die 70 Stunden Arbeitszeit“, schätzt Bruckschlögl. Schneider, die jede Raute einzeln anbringen, sind rar. Dazu kommt die individualisierte Maske. An die 1500 Euro kostet eine neue Montur. Der Oberfasenickl muss sie anhand eines strengen Regelwerks absegnen, bevor sie im Einsatz ist. Polyester verwässert Brauchtum.

„Das Kostüm schenkt einem die Anonymität, durch die man den Schelm richtig ausleben kann“, sagt Bruckschlögl. Ein Fasenickl ist wild, erschreckt Jugendliche, ja, packt sie auch mal. Mit hoher, verstellter Stimme säuselt er jungen Frauen ins Ohr. An Kinder verteilt er Guadl und Brezen.

Vor 2000 Jahren führte der römische Grenzwall Limes durch den Ortskern Kipfenbergs. Später gehörte es erst zu Mittelfranken und nun zu Oberbayern. Heute liegt der geografische Mittelpunkt Bayerns nur 500 Meter entfernt. Logisch, dass diese vogelwilden Multi-Kulti-Bayern gut Fasching feiern können. Der Fasenickl ist besonders, ähnliche Figuren gibt es nur im südlichen Franken und der südwestlichen Oberpfalz. Dass er schon länger als seit der Pest-Zeit unterwegs ist, kann gut sein. Böse Wintergeister haben um diese Jahreszeit schon die Kelten lautstark vertrieben, um den Frühling voller Fruchtbarkeit anzulocken. Daran erinnern bis heute Figuren wie Perchten, aber etwa auch die Mittenwalder Fosnochts-Maschkera mit ihren Schellenrührern. Im Fasching geht‘s halt um pure Lebensfreude – von Kipfenberg bis zur Zugspitze. CORNELIA SCHRAMM

Artikel 4 von 6