Morgen tanzen sie in die Rente

von Redaktion

Nach Jahrzehnten: Marktfrauen nehmen Abschied von der narrischen Bühne

Rocken die Bühne: Annemarie Doll (rot), Monika Schneider (gelb) und Erika Schuster (mit Sonnenbrille). © Kneffel/dpa

Schwelgen in Erinnerungen: die Tänzerinnen und ihr Lehrer mit Reporterin Marie-Theres Wandinger (r.). © Götzfried (2)

Nehmen Abschied: Monika Schneider, Erika Schuster, Christl Lang, Annemarie Doll (v. li.) und Christian Langer.

Bühne frei für ihren letzten Tanz: Am morgigen Faschingsdienstag (11 Uhr, Viktualienmarkt) nehmen fünf Marktfrauen aus Altersgründen Abschied von ihren traditionellen Auftritten. Mit ihren kunterbunten Kostümen, ihrem Kopfschmuck aus Brezn, Käse, Blumen oder Obst und vor allem mit unglaublich viel Elan haben sie über Jahrzehnte ihre Standl repräsentiert und die Münchner Faschingstradition hochgehalten. Im Gespräch mit dem Merkur erinnern sie sich an die narrischen Zeiten.

„Wie lange sind wir jetzt schon dabei?“, fragt Christl Lang (72), ehemalige Sprecherin der tanzenden Marktfrauen, in die Runde. Neben ihr sitzen Monika Schneider (67) von Caseus, Annemarie Doll (71) von Brot Müller, Erika Schuster (71) von Erikas Blumenstandl und ihr Tanzlehrer Christian Langer (52). Nur Hella Friedl (66) von der Metzgerei Friedl fehlt.

Die Musik und Kostüme änderten sich

Gut, dass der einzige Mann am Tisch eine Liste mit den Daten parat hat. Das Ergebnis: Schuster tanzt bereits seit 40 Jahren und ist damit am längsten dabei. Schneider kam vor 15 Jahren als Letzte dazu. Mittlerweile arbeiten sie nicht mehr aktiv auf dem Viktualienmarkt. Jetzt haben sie sich dazu entschieden, auch mit dem Tanzen aufzuhören.

Sofort schwelgt die vertraute Runde in der Vergangenheit. „Bei Regen, Schnee und Sturm sind wir schon aufgetreten“, erzählen sie – einmal sogar bei Windstärke elf. „Aber wir waren immer mit Herzblut dabei“, sind sich alle einig. Die Erinnerungen hat Erika alle in einem Album dokumentiert, das die vier Frauen durchblättern. Ihr Resümee: In den vergangenen vierzig Jahren hat sich einiges verändert. Früher tanzten sie hauptsächlich bayerisch, dann zu Michael Jackson und Udo Jürgens. Auch die Kostüme wurden immer aufwendiger. Jede von ihnen hat mindestens sieben verschiedene Kleider im Schrank hängen, verraten sie. Bis heute treibt die vier Frauen auf der Bühne ein Gedanke an: „Wahnsinn, die ganzen Menschen kommen nur für uns.“ Sogar ein japanisches Fernsehteam habe die tanzenden Marktfrauen schon mal eine Woche lang begleitet.

Mit Menschen aus aller Welt kamen sie auch unter dem Jahr am Viktualienmarkt zusammen. Der Markt war neben dem Verkauf schon immer ein Ort für Gespräche, berichten die Marktfrauen. „Gerade in der Coronazeit war das vielen Menschen wichtig“, sagt Schneider. Auch, wenn der Ton manchmal etwas rau sei. Die Standlfrauen sind sich auch hier einig: „Wie es in den Wald hineinschreit, kommt es auch zurück.“ Untereinander sei der Zusammenhalt nach wie vor groß. Schuster bemerkte nur eine Veränderung bei den Kunden: „Viele haben keine Geduld mehr, und es ist alles sehr hektisch.“

Trotzdem trafen sich die Frauen nach den langen Arbeitstagen über Jahrzehnte noch zum Tanzen. Anstrengend sei es gewesen – aber vor allem schön! Im nächsten Moment schauen die vier Frauen ihren Tanzlehrer an und sagen: „Du hattest es auch nicht immer einfach mit uns.“ Christian Langer winkt ab. „Wir sind eine Familie“, sagt er. Seit Oktober trainieren sie 20 Mal drei Stunden. Auch Langer hört nach 22 Jahren auf.

Am Faschingsdienstag gibt es einen Abschiedswalzer. „Wir fünf treten nach vorn und verabschieden uns symbolisch.“ Danach kommen die anderen Frauen nach vorn, um zu zeigen: Es geht weiter. „Wir wünschen ihnen, dass sie denselben Erfolg haben.“ Die neue Generation solle den Tanz so gestalten, wie sie wolle, sagen die vier. Nur eine Sache treibt die Frauen kurz vor der Tanzrente um: „Wir werden zum Schluss bestimmt weinen.“ Die Nachfolge ist jedenfalls gesichert. Susi Müller, neue Sprecherin der tanzenden Marktfrauen, verrät: „Morgen können sich die Münchner über neue Gesichter freuen.“M. WANDINGER

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