Glaubt man dem WhatsApp-Status der anderen oder den Wetterberichten der Boulevardmedien, so ist am Donnerstag in München die Welt untergegangen. Eine Schneepeitsche hat die Stadt getroffen, wahlweise hat auch eine Schneewalze die Alpen plattgemacht. Der Schorsch dagegen, 85 Jahre alt und Meister der sprachlichen Kurzform, schaut aus dem Fenster und sagt: „Mei, Winter halt.“ Aber so ist das eben in unseren aufgeregten Zeiten: Nicht einmal der Wetterbericht kommt ohne Spektakel aus. Die Stadt muss gepeitscht werden wie in einer mittelalterlichen Folterkammer. Und so viel sei schon jetzt verraten: Bald wird es eine Frühlingsexplosion geben, die München bedroht wie seinerzeit der Vesuv die Stadt Pompeji, nur eben nicht mit Asche und Vulkangestein, sondern mit Schmelzwasser und Blütenpollen. Wer denkt, Putin und Trump seien die größten Gefahren für unser Leben in Sicherheit, der hat noch nie einen Wetterbericht im Boulevard gelesen.
Andererseits muss man froh sein um das Spektakel im Münchner Wetterbericht. Denn am aktuellen Wochenende hat die Stadt sehr wenig zu bieten. Man denke eine einzige Woche zurück: Sicherheitskonferenz, Iran-Demo, Fasching – alles gleichzeitig! Fast hätte man München für eine Weltstadt gehalten. Dieses Wochenende dagegen: Einmal Stadt ohne alles! Das größte Münchner Spektakel der nächsten beiden Tage besteht daraus, am Fenster zu stehen und dem Schnee beim Schmelzen zuzusehen.
Man könnte sich auch einfach in ein Café setzen und ein Buch lesen. Der Schorsch sagt dazu: „Im Café sitzen und ein Buch lesen.“ Damit hinkt er dem Zeitgeist hinterher, als würde er das Fräulein im Elektrofachgeschäft nach einem Wählscheibentelefon fragen. Mittlerweile ist „im Café sitzen und ein Buch lesen“ nämlich ein Trend in den Sozialen Medien. Man macht zwar das gleiche, aber sagt jetzt „Performative Reading“ dazu.
Das ist übrigens nicht das einzige Phänomen, das im Netz unter neuem Namen überraschend große Erfolge feiert. Der „Harlem Shake“ zum Beispiel wurde ein Hit und war auch nichts anderes als früher „deppert tanzen“. Und die allgemeine Begeisterung fürs Gym hielte sich vermutlich auch in Grenzen, würde man immer noch in die Turnhalle gehen, um dort statt Squads einfach Kniebeugen machen.
So gesehen könnte auch das drohende Wochenende in der „Stadt ohne alles“ noch viral gehen. Man muss nur seine Wochenendrituale umbenennen. Ein bissl „Performative Zoozling“ an einer Weißwurst – und schon steht München im Klickgewitter. Der Boulevard jubelt, nur der Schorsch sagt: „Braucht’s des?“