Neulich sind wieder die grauenhaften Epstein-Informationen über uns hinweggeflutet. Ja, die Bayern haben’s gewusst: „Da Mensch is guad, awa d‘ Leit san schlecht!“ Dann kamen obendrein noch die Nachrichten über uns, wie viel Gewalt es vor allem in deutschen Familien und Partnerschaften gibt, insbesondere gegen Frauen. Eine Dunkelfeldstudie hat in eine furchterregende Finsternis hineingeleuchtet. Mir geht’s in solchen Fällen oft so, dass ich die Tatsachen am liebsten nicht glauben würde. Das kann doch alles nicht wahr sein! Blicke ich aber auf die Geschichte, weiß ich, der Mensch ist zum Grauenhaftesten fähig.
Kein Wunder, dass es zu allen Zeiten Aufrufe zur Buße gab (nicht nur zur lustigen wie am Nockherberg). Leidenschaftlich warfen sich die Propheten des Alten Testaments in ihre Strafreden, selbst wenn ihnen klar war, dass eh keiner auf sie hören würde. Berühmt wurden bei uns die barocken Bußprediger, die mit Tod, Teufel und ewiger Verdammnis ihre Schäfchen erschreckten. Die Mahner kannten das Wechselspiel von Macht und (sexueller) Gewalt – sogar bei ihren geistlichen Brüdern. Mir fallen da die Schriften des Marquis de Sade ein. In meiner Jugend fand ich sie extrem, heute fürchte ich, er hat nur ein bisschen übertrieben.
Überhaupt sind Bibel, Mythen und andere künstlerischen Texte seit Jahrtausenden hellsichtig. Judith nutzt wenigstens ihre Vergewaltigung durch Holofernes, um ihm den Garaus zu machen, während Susanna (im Bade) hilflos beinahe der Verleumdung geiler Kerle zum Opfer fällt. Bei den alten Griechen wimmelt es nur so vor sexuellem Missbrauch. Von den Göttern Apollon bis Zeus gibt es überwiegend brutalen Überfall oder bestenfalls Verführung. Daphne zum Beispiel ist wegen Apollons Nachstellungen in solch auswegloser Lage, dass sie sich lieber in einen Lorbeerbaum verwandeln lässt. Und ob Europa davon begeistert war, von Zeus als Stier aus der Heimat verschleppt zu werden?
Kann man Mythen wegschieben nach dem Motto: „Sind ja nur Götter von anno dunnemals“, geht das mit unseren Dichtern nicht mehr. Obwohl Männer, verzeichneten sie genau, wozu ihre Geschlechtsgenossen fähig sind; nicht nur französische Autoren. Goethe analysiert etwa in der Beziehung Gretchen-Faust präzise die Macht der Verführung, wobei die erst schwache, dann starke Frau zwar dem feschen Freier, aber nicht Mephisto erliegt. Faust, der scheinbar starke Mann, lässt sich hingegen vom Teufel einfangen. Noch aktueller ist Lessings Drama „Emilia Galotti“. Gewalt und Versuchung durch die Herrschenden richten Entsetzliches an bei den ohnmächtigen Bürgern. Sie sehen das Verbrechen und werden als Schutzlose selbst schuldig. Sie lebten im Absolutismus. In der Demokratie dürfte uns das eigentlich nicht mehr passieren …