So sah’s am historischen Hauptbahnhof 1896 aus: Trams und Kutschen hatten noch viel Platz. © Archiv
Elektrisierend: der historische A-Wagen der Straßenbahn, gebaut zwischen 1898 und 1902. © Marcus Schlaf (2)
Bürgermeister Dominik Krause (li.) und MVG-Chef Ingo Wortmann in der Tram-Werkstatt.
Der Münchner kann hartnäckig sein, wenn es um Allerheiligstes geht. Beim Bier im oder außerhalb des Biergartens zum Beispiel. Oder bei der Tram. Der hätte in den 1970ern fast das Aus gedroht in Zeiten des U-Bahn-Baus. Doch der Münchner war stärker als die Politik. Und heute? Lobt sich jeder über den grünen Klee, wie umweltfreundlich, günstig und modern solch eine Straßenbahn doch ist. Zudem hat man tolle Blicke durchs Fenster. Tramatisch schön sozusagen.
Klar, dass bei der gestrigen Pressekonferenz im Trambahn-Museum an der Ständlerstraße das diesjährige Jubiläum „150 Jahre Tram“ entsprechend gefeiert wurde. Mit Bürgermeister Dominik Krause (Grüne), der für OB Dieter Reiter (SPD) eingesprungen war, und dem im Sommer scheidenden MVG-Chef Ingo Wortmann. Letzterer betont, dass dieses Jahr „ganz im Zeichen der Straßenbahn“ stünde. Eine Jubiläumsbroschüre werde kommen, Ausstellungen im MVG-Museum, Führungen, Vorträge und als Höhepunkt das Wochenende des 17./18. Oktober.
Am 17. Oktober fahren auch historische Fahrzeuge durch die Innenstadt. Der Hingucker schlechthin dürfte der bildschöne A-Wagen sein, der von 1898 bis 1902 gebaut wurde und der erste Tramwagen ist, der erfolgreich elektrifiziert weißblau durch die Stadt ratterte. Offiziell konnten 20 Leute im Wagen sitzen und 20 stehen, inoffiziell wurde gedrückt und geschoben, bis der Ölsardinen-Komplex griff. 36 Kilowatt Leistung für 40 plus x Personen – Hut ab vor so viel Energieeffizienz! Bei 30 km/h war Schluss. Die „A-Klasse“ war so erfolgreich, dass 250 vierachsige Fahrzeuge gebaut wurden. Die letzten fuhren noch bis 1958. Ein Wagen hat überlebt, der 256er.
Den und andere Traum-Trams gibt’s am 17. Oktober zu sehen. Derzeit wird in der Werkstatt z. B. am Triebwagen D-490 (Baujahr 1911), dem I-721 (Baujahr 1944) nebst Beiwagen D-1410 (1926–1931) gewerkelt. Hanno Etzbach, Elektriker für Betriebstechnik bei der SWM, hat 14 Mitarbeiter, die sich um die Tram-Pflege kümmern. Besonders herausfordernd: Ersatzteile finden für die alten E-Kutschen. Die Städte helfen einander, manches findet man in Depots – und zur Not werden Etzbach und sein Team aus Elektro- und Metallprofis kreativ.
Apropos kreativ: Das waren noch Zeiten, als die Schaffner im Wagen per ausgeklügeltem System Tickets ausstellten und schmuck aussahen. Andreas Fehrke von den Trambahnfreunden erklärt, dass das Hirn der Schaffner „das Google von heute“ war – und dass die verschiedenen Linien auch nach Farben benannt wurden. Der A-Wagen etwa war die „weiße“ Linie. Warum? Weil viele Leute damals nicht gut lesen konnten. Faustregel: je größer das Tram-Netz, desto farbenfroher.
Zwei stilisierte Trams, die von außen vier Epochen zeigen, fahren jetzt regulär im Linienverkehr. Wo, steht auf mvg.de/tram150.MATTHIAS BIEBER