Diese Straße ist uns eine Ehre

von Redaktion

Erinnerung an den großen Münchner Fritz Neuland

OB Dieter Reiter mit Charlotte Knobloch. © Marcus Schlaf (2)

Eine eigene Straße: Fritz Neuland. © NS Dokuzentrum

CSU-Stadtrat Michael Dzeba (li.) initiierte die Straßenbenennung. Hier übergibt er Charlotte Knobloch und ihren Kindern Iris und Bernd ein XXL-Schild.

Er wurde von den Nazis verfolgt, verlor seine Mutter im KZ und überlebte nur mit Glück den Holocaust. Trotzdem blieb Fritz Neuland Deutschland nach dem Krieg treu. Von Judenhass, Willkür und Leid wollte sich der Rechtsanwalt nicht aus seiner Heimat München vertreiben lassen. Die schuf ihm jetzt zu Ehren einen festen Platz in ihrer Mitte – mit einer eigenen Straße.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) enthüllte gestern das Schild der Fritz-Neuland-Straße mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Charlotte Knobloch – die Tochter von Fritz Neuland. Das Straßenstück zwischen Cornelius- und Prälat-Zistl-Straße liegt gleich an der Synagoge am St.-Jakobs-Platz. Kein Zufall: Fritz Neuland hatte die IKG 1945 mitgegründet, war jahrelang ihr Präsident. Als solcher kämpfte er unermüdlich für Demokratie und Rechtsstaat – damit sich die Gräuel der Nazis niemals wiederholen. Gräuel, denen auch er und seine Familie zum Opfer gefallen waren.

1889 in Bayreuth geboren, studierte der junge Siegfried (Fritz) Neuland in München Jura. 1919 wurde er Anwalt mit Kanzlei am Stachus. Am 29. Oktober 1932 kommt seine Tochter Charlotte zur Welt, doch das Glück währt kurz. Drei Monate später wird Hitler Reichskanzler. Als Charlotte vier Jahre ist, trennen sich die Eltern. Ihre Großmutter Albertine zieht sie auf.

1938 – das Jahr der Judenpogrome. Neuland bekommt Berufsverbot. Ab da darf er nur noch jüdische Mandanten vertreten. Die Familie wohnt am Bavariaring – und dort wird er eines Tages vor den Augen seiner Tochter festgenommen und verhört. 1942 die Katastrophe: Am 4. Juli wird Albertine Neuland nach Theresienstadt deportiert. Charlotte Knobloch sieht ihre Großmutter nie wieder. Nur Wochen später muss sie selbst untertauchen – erst im Kloster Petershausen, dann bis Kriegsende in Franken. Albertine stirbt 1944 im KZ. Fritz Neuland wird 1943 zur Zwangsarbeit verpflichtet. In einem Batterie-Rüstungsbetrieb zieht er sich bei Verzinnungsarbeiten ein Augenleiden zu.

Nach dem Krieg bleibt Fritz Neuland in München – was seine Tochter nicht verstehen kann. Er arbeitet wieder als Anwalt, heiratet ein zweites Mal, belebt als Initiator und Mitbegründer der IKG das jüdische Leben in München neu. 1951 wird Neuland IKG-Präsident und bleibt es mit Unterbrechungen bis 1969. Ein neues Leben im Land der Täter – für seine Religion, für Demokratie. 1969 stirbt Neuland – in München.

Dass er nun seine eigene Straße hat, bewegte Charlotte Knobloch gestern sichtlich. Auch ihrem Vater hätte die Ehrung sehr gefallen, sagte sie: „Sie können sich nicht vorstellen, wie er sich gefreut hätte.“THOMAS GAUTIER

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